Werte und Normen richtig vermitteln

Ausgrenzung verhindert die Akzeptanz von Normen und Werten. Eine Sozialpsychologin berichtet über ihre Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

An einer privaten Berufsfachschule in Berlin hat in diesen Tagen ein ganzer Jahrgang die Ausbildung zum Sozialassistenten abgeschlossen. Mehr als die Hälfte der 18- bis 30-jährigen Schüler dieser Einrichtung hat einen Migrationshintergrund. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind – angesichts des Personalmangels in Pflegeeinrichtungen und Kitas – gut.

Diskussion individueller Sozialisationserfahrung

Dr. Regina Girod unterrichtet an der Berufsfachschule sozialpsychologische Themen, wie etwa die Entstehung und Funktion gesellschaftlicher Normen und Werte. Da die Fähigkeit zur Selbstreflexion grundlegend für die Arbeit in sozialen Berufen ist, lässt der Lehrplan viel Raum zur Diskussion individueller Sozialisationserfahrungen. In den Gesprächen zeigte sich, dass die Schüler sowohl durch staatliche Institutionen als auch im Arbeitsleben Entwertung und Ausgrenzung erfahren haben: Sie waren in der Gastronomie oder auf dem Bau tätig, wo die Mindeststandards des deutschen Arbeitsrechts oft nicht eingehalten werden. Häufig waren sie nicht krankenversichert, bekamen zu wenig Urlaub und erhielten nicht einmal den Mindestlohn.

Werte und Normen nicht nur theoretisch vermitteln

"Mir ist durch ihre Berichte bewusst geworden, wie stark Abwertung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit den Wertbildungsprozess beeinflussen. Viele Leute stellen sich vor: Wir bringen diesen Menschen bei, welche Normen bei uns gelten, welche Werte für uns wichtig sind – so, wie man Schülern Rechnen beibringt. Aber so funktioniert das nicht. Normen und Werte sind das Rückgrat von Gemeinschaften, sie machen Kooperation und Kommunikation möglich." Das notiere man sich nicht und lerne es dann auswendig wie ein Gedicht. "Man übernimmt vielmehr in einem Prozess die Normen und Werte von Gruppen, zu denen man gehört und mit denen man kooperieren muss." Das Gerede von der Weigerung, sich "unseren" Normen anzupassen, ist aus Girods Sicht daher Unfug.

Vortrag beim Kongress der NGfP

Mehr über ihre Arbeit und den Zusammenhang von Ausgrenzung und der Entwicklung des Wertesystems junger Menschen wird Dr. Regina Girod in ihrem Vortrag „Auswirkungen von Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf den Wertbildungsprozess in Deutschland lebender Jugendlicher mit Migrationshintergrund“ beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) berichten. Der Kongress findet vom 9. bis 12. März 2017 in Berlin statt und dreht sich um das Thema "Gesellschaftliche Spaltungen".

23. Februar 2017
Quelle: Christa Schaffmann – Neue Gesellschaft für Psychologie
Symbolfoto: © Luke Pamer – unplash.com


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