Zeitarmut macht unzufrieden

Vielen Deutschen fehlt es an Zeit. Und dieser Mangel beeinträchtigt die Lebenszufriedenheit ähnlich wie ein Mangel an Geld. Dies fanden Forscher der Leuphana Universität Lüneburg heraus.

In den westlichen Industrienationen bezeichnet der Begriff „Armut“ meist einen Mangel an Geld und Wohlstand – obwohl Armut sich tatsächlich nicht auf materielle Güter reduzieren lässt. Auch Wissenschaftler der Leuphana Universität Lüneburg plädieren vor dem Hintergrund aktueller Studienergebnisse für einen neuen Armutsbegriff.

Für ihre Untersuchung werteten sie zunächst Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus. Die Teilnehmer dieser repräsentativen Langzeiterhebung, in deren Rahmen seit 1984 bereits über 20.000 Menschen aus ganz Deutschland zu verschiedenen Themen befragt worden sind, hatten unter anderem auch Angaben zu ihrem Einkommen gemacht sowie zu der Zeit, die sie täglich mit bestimmten Aufgaben verbringen. Außerdem berichteten sie, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind.

Diese drei Parameter wurden von den Lüneburger Wissenschaftlern in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich, dass sich ein Mangel an Zeit ähnlich wie ein Mangel an Geld negativ auf die allgemeine Lebenszufriedenheit auswirkt. Zudem wurde deutlich: Zeitmangel lässt sich zumindest teilweise durch Geld kompensieren – und umgekehrt: Personen mit einem hohen Einkommen, aber wenig Freizeit beschrieben sich als ähnlich zufrieden wie Personen mit wenig Geld, aber viel Zeit für sich selbst.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse schlagen die Lüneburger Forscher einen neuen, multidimensionalen Armutsbegriff vor, der auch den Mangel an Freizeit berücksichtigt. Nach dieser Definition würden etwa zwölf Prozent der Deutschen als arm gelten – fast doppelt so viele wie nach der traditionellen Sichtweise.

Zusätzlich analysierten die Forscher die Daten einer Zeitbudget-Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus den Jahren 2001 und 2002: Dabei hatten rund 35.000 Personen mit Hilfe von Tagebüchern ihren Tagesablauf im Zehn-Minuten-Rhythmus erfasst.

Bei Einbeziehung dieser Informationen zeigte sich, dass besonders Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Selbstständige überproportional häufig von multidimensionaler Armut betroffen sind. Zudem kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass auch vor multidimensionaler Armut – ähnlich wie vor Einkommensarmut – am besten eine gute Ausbildung schützt: Bei den Befragten mit Hochschulabschluss lag die multidimensionale Armuts-Quote nur bei etwas mehr als neun Prozent.

Literatur
Merz, J. & Rathjen, T. (in press). Multidimensional time and income poverty: Well-being gap and minimum 2DGAP poverty intensity – German evidence. Journal of Economic Inequality.


4. September 2014
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Ina Jungbluth


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