Zur europäischen Impfwoche: Faktoren der Impfentscheidung

Welche Informationen bei einer Impfentscheidung den Ausschlag geben können, zeigen psychologische Untersuchungen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Spätestens der Masernausbruch in Berlin zu Beginn dieses Jahres entfachte erneut die Debatte zwischen Impfgegnern und -befürwortern: Wie hoch sind die Impfrisiken wirklich? Wie groß ist der gesellschaftliche Nutzen der sogenannten Herdenimmunität? Und inwiefern kann auch der einzelne von dieser profitieren? All diese Fragen wurden diskutiert und mehr oder weniger zufriedenstellend beantwortet. Psychologen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zeigten in ihren Studien, welche Informationen die individuelle Impfentscheidung wie beeinflussen können.

Herdenimmunität und Trittbrettfahrer

Besonderes Augenmerk legten die Wissenschaftler dabei auf die kommunizierten sozialen oder individuellen Vorteile der Herdenimmunität. Im Rahmen eines Online-Experiments erhielten 342 Personen Informationen über ein fiktives Virus und die Impfung dagegen. Eine von vier Gruppen, die Kontrollgruppe, wurde lediglich über den Erreger unterrichtet. Die drei anderen Gruppen erhielten zudem weiterführende Informationen: In Gruppe 1 wurde der soziale Nutzen von Impfungen betont („Wenn Sie sich impfen lassen, können Sie andere schützen, die nicht geimpft sind“). Für Gruppe 2 wurde der individuelle Nutzen hervorgehoben („Je mehr Menschen in Ihrer Umgebung geimpft sind, umso mehr sind Sie auch ohne Impfung geschützt“). Die Teilnehmer der Gruppe 3 erhielten Informationen sowohl zum sozialen, als auch zum individuellen Nutzen der Herdenimmunität.

Zusätzlich wurden für alle Probanden die Impfkosten manipuliert: Ihnen wurde entweder gesagt, dass sie sofort geimpft werden könnten (geringer Aufwand) oder dass sie einen Termin vereinbaren müssten und dass dieser etwa drei Stunden in Anspruch nehmen würde (hohe Kosten).

Betonung des individuellen Nutzens fördert Trittbrettfahren

Als schließlich die Teilnehmer zu ihrer Impfabsicht befragt wurden, zeigte sich, dass diese abnahm, wenn in der Informationsphase der individuelle Nutzen der Herdenimmunität betont worden war. Informationen dieser Art scheinen die Tendenz zum Trittbrettfahren, also dazu, sich auf den Schutz der Herde zu verlassen, zu befördern. War hingegen der soziale Nutzen des Impfschutzes kommuniziert worden, erhöhte sich die Impfabsicht – allerdings nur dann, wenn der Aufwand für die Impfung gering war.

Einflüsse auf die Risikowahrnehmung

In einer weiteren Studie untersuchten die Psychologen, wie statistische Informationen und Einzelfallberichte in Patientenforen die Impfentscheidung beeinflussen: Dabei zeigte sich, dass Einzelfallberichte über reale oder angebliche Impfschäden zu einer erhöhten Wahrnehmung von Impfrisiken führen und die Impfbereitschaft senken. Selbst Hinweise darauf, dass die Einzelfallinformationen verzerrt seien, reduzierten diesen Effekt nicht wesentlich. Eine durch Informationen in Patientenforen verzerrte Risikowahrnehmung könne nach Ansicht der Forscher damit das soziale Trittbrettfahren noch verstärken.

Literatur

Betsch, C., Böhm, R. & Korn, L. (2013). Inviting free-riders or appealing to pro-social behavior? Game theoretical reflections on communicating herd immunity in vaccine advocacy [PDF]. Health Psychology, 32, 978-985.

Betsch, C., Renkewitz, F. & Haase, N. (2013). Effect of narrative reports about vaccine adverse events and bias-awareness disclaimers on vaccine decisions: A simulation of an online patient social network [Abstract]. Medical Decision Making, 33, 14-25.

23. April 2015
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie


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