Zur Psychodynamik beim Elfmeterschießen

Es gibt keine spannendere Situation in einem Fußballspiel als den Elfmeter. Doch die vielzitierte „Angst des Tormanns beim Elfmeter“ scheint es nicht zu geben. Vielmehr liegt der psychische Druck beim Schützen, da die Erwartungen in ihn hoch sind und zur Entscheidung eines Spiels beitragen können. Was genau letztendlich über Erfolg oder Misserfolg beim Elfmeter entscheidet, hat nun ein Kasseler Sportpsychologe untersucht.
 Der Elfmeterschütze darf sich dem psychischen Druck nicht beugen", erklärt der Kasseler Forscher Prof. Dr. Norbert Hagemann. Dies sei wichtig, um im entscheidenden Moment keine Fehler zu machen. Im Training lasse sich der Umgang mit diesem Druck üben. „Man kann das Elfmeterschießen immer wieder üben und dabei Sanktionen einbauen", sagt Hagemann, etwa indem die gesamte Mannschaft Strafrunden laufen muss, wenn einer von ihnen einen Strafstoß verschießt.

Neben einer hohen Belastbarkeit ist für Torhüter und Elfmeterschützen die Fähigkeit entscheidend, das Verhalten des Gegners vorherzusehen. „Zwischen Schuss und Tor liegen nur etwa 400 Millisekunden", führt Hagemann aus. Der knapp 100 Stundenkilometer schnelle Ball erlaubt es dem Tormann nicht, erst zu springen, wenn er sicher weiß, wohin der Schütze zielt. Vielmehr muss der Torhüter aus den Bewegungen seines Gegenspielers, seiner Blickrichtung und dem Anlauf erschließen können, wohin er den Ball lenken wird. Dies sei durch langjähriges Training für einen Torwart erlernbar, sagt der Sportpsychologe.

Bekannt ist, dass viele Spieler den Ball „antäuschen", also beim Anlauf eine bestimmte Schussrichtung andeuten, dann aber im letzten Moment in eine andere Richtung schießen. Auch der Tormann kann sich mit Tricks einen Vorteil verschaffen, wie Hagemann betont. So haben Studien gezeigt, dass es einen Einfluss auf die Schussrichtung hat, ob der Torwart exakt in der Mitte der Torlinie steht oder etwas seitlich davon. Die meisten Spieler schießen daraufhin in die vom Tormann augenscheinlich weniger gut geschützte Hälfte des Tores. Nach Einschätzung des Kasseler Forschers kann der Torwart so gewissermaßen eine Ecke für den Schuss anbieten – und sich dann in diese Richtung werfen.

Selbst Kleinigkeiten können über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. „Je länger der Schütze auf den Pfiff des Schiedsrichters warten muss, je mehr Zeit er also hat nachzudenken, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler verschießt.“ Auch die Selbstdarstellung spielt laut Hagemann in der Zweikampfsituation eine Rolle: Bewegt sich der Tormann betont lässig, kann er damit den Elfmeterschützen zusätzlich irritieren.

15.7.2010
 Quelle: Informationsdienst Wissenschaft