Auf sein Herz hören

Menschen treffen moralischere Entscheidungen, wenn sie denken, dass ihr Herz rast. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der University of British Columbia (Kanada).

Wieso half der barmherzige Samariter im biblischen Gleichnis dem verletzten Fremden? Vielleicht, weil er auf sein Herz hörte – nicht im übertragenen, sondern im eigentlichen Sinne. Wissenschaftler der University of British Columbia (Kanada) untersuchten in mehreren Experimenten, wie verschiedene Herzraten im kardialen Feedback moralische Entscheidungen beeinflussen können.
Die Forscher baten zu diesem Zweck 86 Studenten zu einem Experiment ins Labor. Während der vermeintlichen Wartezeit wurden die Probanden gefragt, ob sie schnell ein Aufnahme-Gerät für Herztöne testen könnten, das für einen anderen Versuch benötigt würde. Es handelte sich um ein Handgelenk-Messgerät, das mit einem Kopfhörer verbunden war. Die Studenten glaubten, über diesen ihrem eigenen Puls zu lauschen, hörten aber in Wirklichkeit manipulierte Herztöne – mit normalem Pulsschlag (60 Schläge pro Minute) oder erhöhtem Puls (96 Schläge pro Minute). Während dieses vermeintlichen Tests wurden die Probanden des Weiteren gebeten, die Beschreibung einer anderen Studie zu lesen und zu entscheiden, ob sie auch an dieser teilnehmen würden.
Es zeigte sich, dass 40 Prozent der Studenten, die einen erhöhten Pulsschlag rückgemeldet bekommen hatten, entschieden, auch für eine weitere Studie ihre Zeit zur Verfügung zu stellen. Hingegen waren es nur 17 Prozent der Studenten mit vermeintlich normalem Puls.
Ein zweiter Versuch der kanadischen Wissenschafter verlief ähnlich. Dieses Mal spielten die 65 Versuchsteilnehmer während des vermeintlichen Geräte-Tests jedoch ein Spiel, bei dem Geld zwischen ihnen und einem Spielpartner im Nebenraum aufgeteilt wurde. Die Studenten hatten zu entscheiden, ob sie ihrem Partner die Empfehlung geben sollten, Option A oder Option B zu wählen, wobei erstere eher lukrativ für den Spielenden und zweitere eher lukrativ für den Partner war.
Die Teilnehmer, die ihr Herz schneller schlagen hörten, empfahlen ihrem Spielpartner seltener die für ihn schlechtere Option als Probanden, die einen normal schnellen Herzschlag vernahmen (31 Prozent verglichen mit 58 Prozent).
Die kanadischen Wissenschaftler vermuten, dass ein höherer Puls von Menschen als Anzeichen für eigenen Stress angesehen wird, und dass das Einhalten moralischer Konventionen als ein Mittel herangezogen wird, diesen Stress zu reduzieren. Ihre Ergebnisse stehen im Einklang mit der Hypothese der somatischen Marker nach Damasio, die besagt, dass die Rückmeldungen körperlicher Funktionen unsere Entscheidungen (unterbewusst) beeinflussen.
Eine falsche Herzrate scheint aber nicht alle Personen in allen Situationen gleich stark zu beeinflussen. So fanden die kanadischen Wissenschaftler in weiteren Experimenten heraus, dass die moralische Entscheidungsfindung bei Personen, die sich als besonders achtsam und aufmerksam beschrieben, vom falschen Herz-Feedback unabhängig war. Auch wenn das Spiel als Aufgabe der Entscheidungsfindung und nicht als intuitive Reaktionsaufgabe beschrieben wurde, hatte die falsche Herzrate kaum mehr einen Einfluss.
Letzteres Ergebnis ist besonders interessant, da wir gewöhnlich annehmen, dass uns das Denken hilft, unsere Emotionen zu zügeln und moralischere Entscheidungen zu treffen. Nun scheint es jedoch, als könne eine bewusste Entscheidungsfindung auch den Einfluss des Herzens untergraben und zu weniger moralischem Verhalten führen.

Literatur
Gu, J., Zhong, C. B. & Page-Gould, E. (in press). Listen to your heart: When false somatic feedback shapes moral behavior. Journal of experimental psychology.

 

Quelle: The British Psychological Society – Research Digest

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