Burnout durch Bologna?

Studierende brauchen häufiger psychosoziale Beratung – und die Nachfrage steigt. Dies bestätigt nun eine Diplomarbeit der Technischen Universität Chemnitz.

Der optimale Lebenslauf als Einstieg ins Berufsleben: Er beinhaltet neben einem sehr guten Abschluss – in Regelstudienzeit natürlich – auch Auslandsaufenthalte und einschlägige Praktika zum Nachweis erster Berufserfahrungen. Nicht jeder Student fühlt sich diesen Anforderungen angesichts gestraffter Studienordnungen im Bachelor-Master-System gewachsen. 
Die Soziologin Doreen Liebold untersuchte im Rahmen ihrer Diplomarbeit inwiefern die Nachfrage nach psychosozialer Beratung in den Beratungsstellen der Studentenwerke zugenommen hat. Sie befragte 36 Mitarbeiter von Beratungsstellen aus allen deutschen Bundesländern (außer Bayern und Hessen) und erfasste damit 60 Prozent der deutschen Studentenwerke mit psychologischer Beratungsmöglichkeit.
Ihren Ergebnissen zufolge erkennen mehr als drei Viertel der befragten Berater eine Tendenz zu einer allgemeinen Überlastung und psychischen Erschöpfung bei Studierenden. 
Der Begriff Burnout wurde aufgrund der Vielfalt der auftretenden Erschöpfungserscheinungen von rund zwei Dritteln der Befragten nur mit Skepsis verwendet. Dennoch beobachteten über 60 Prozent der Berater – insbesondere in den vergangenen fünf Jahren – einen deutlichen Anstieg von Burnout im engeren Sinne bei Studierenden. 
Als Ursachen nannten sie die steigende Überforderung der Studierenden, vor allem durch den Bologna-Prozess mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System. Im Rahmen dieser Veränderungen des Studiensystems seien die Arbeitsdichte gestiegen und die Freiräume der Studierenden eingeengt worden. Diese Faktoren in Verbindung mit einem allgemein in der Gesellschaft gestiegenen Leistungs- und Konkurrenzdruck sahen die Berater als besonders problematisch. Dazu kommen Studiengebühren und steigende Lebenshaltungskosten, die nach Angaben der Berater Mehrfachbelastungen durch notwendige Nebenverdienste mit sich bringen. Neben diesen externen Bedingungen wurden auch eine Benachteiligung durch die soziale Herkunft, nicht geglückte Eltern-Kind-Beziehungen sowie ineffektive Coping- und Problemlösestrategien als Ursachen für psychosoziale Belastungen benannt. 
Es zeigten sich keine Unterschiede zwischen verschiedenen Studienfächern, jedoch bezüglich des Geschlechts: Nach Angaben der Berater äußerten sich bei männlichen Studierenden die Probleme besonders in Lern- und Arbeitsstörungen, Sozialphobien und leichten Kontrollzwängen, während die betreuten Studentinnen eher an Stress und Überforderung, verbunden mit psychosomatischen Beschwerden oder depressiven Verstimmungen litten.
Als Folgen nannten die Befragten vor allem Verzögerungen im Studienablauf durch Krankheits- oder Urlaubssemester sowie vermehrte Studienfachwechsel bis hin zu Studienabbrüchen.
Die psychosozialen Beratungsstellen der Studentenwerke versuchen diesen Folgen mit Hilfe von Einzelgesprächen, aber auch Lerngruppen und Kursangeboten – etwa zu wissenschaftlichem Reden und Schreiben, zur Prüfungsvorbereitung, zu Lernstrategien sowie zum Selbst-, Zeit- und Stressmanagement – entgegenzuwirken. Über die Hälfte der Befragten gab jedoch an, dass die aktuellen personellen Kapazitäten der Beratungsstellen angesichts der sich anstauenden Probleme noch unzureichend sind. 

Links
Broschüre "Rückenwind. Was Studis gegen Stress tun können"


Quelle: Technische Universität Chemnitz

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