Cyber-Mobbing keine Seltenheit

Herablassende Kommentare im SchülerVZ, ein peinliches Foto bei Facebook, entwürdigende Videos auf YouTube – Aggressionen unter Schülern finden ihr Ventil heute nicht mehr nur in Rangeleien auf dem Schulhof.

Herablassende Kommentare im SchülerVZ, ein peinliches Foto bei Facebook, entwürdigende Videos auf YouTube – Aggressionen unter Schülern finden ihr Ventil heute nicht mehr nur in Rangeleien auf dem Schulhof. Die Folge können Ängste, Schlafstörungen oder gar Selbstmord sein. Cyber-Mobbing ist ein ernstes Thema und doch bisher kaum wissenschaftlich untersucht worden. Mit zwei unterschiedlichen Forschungsansätzen versuchen Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin und der Universität Hohenheim sich nun dem Phänomen anzunähern. 
Die Forscher der Universität Hohenheim planen, im Rahmen ihres durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts drei Jahre lang anonyme Befragungen an mehreren Dutzend Stuttgarter Schulen durchzuführen. Sie wollen Klassenstruktur und Freundschaftsnetzwerke langzeitlich beleuchten, Persönlichkeitsprofile sowie Opfer- und Täterrollen identifizieren und damit auf lange Sicht effektive Strategien im Kampf gegen Cyber-Mobbing für die Schul- und Jugendarbeit zu entwickeln.
Eine Vorstudie des Projekts kam zu dem Ergebnis, dass Cyber-Mobbing bei weitem keine Seltenheit ist: Mehr als ein Fünftel der 409 befragten Schüler gaben an, schon einmal persönliche Erfahrungen mit virtuellen Attacken gemacht zu haben. Opfer waren besonders häufig Mädchen und Schüler unterer Klassenstufen mit wenigen Freunden. Die Täter hingegen waren häufig gut in die Klasse integrierte Kinder. 
Die Stuttgarter Wissenschaftler betonen jedoch, dass das Internet zwar Teil des Problems ist, aber nicht der Auslöser von Mobbing. Mobbing-Fälle an Schulen gab es schon immer. Neu ist allerdings die Verlagerung eines Teils des sozialen Lebens mit seinen Konflikten in die virtuelle Welt. Und damit an einen Ort, der für Lehrer und Eltern nur schwer einsehbar und kontrollierbar ist. 
Einen anderen Ansatz verfolgen die Forscher der Technischen Universität Berlin. Eine qualitative Studie des Fachgebiets Pädagogische Psychologie beschäftigte sich mit den sogenannten „Bystandern“, den zunächst unbeteiligten Zuschauern von Cyber-Mobbing.
In Gesprächsgruppen mit 30 Berliner Jugendlichen zeigte sich, dass die 14- bis 17-Jährigen sehr unterschiedliche Formen und Anlässe von Cyber-Mobbing beobachteten und entsprechend auch unterschiedlich reagierten. Waren sie das eine Mal belustigt, versuchten sie bei anderer Gelegenheit – motiviert durch ihr Mitgefühl mit dem Opfer – ihren Freunden gegen Online-Attacken zu helfen. Dazu wählten sie verschiedene Wege: Freunden boten sie Trost und Unterstützung an, Täter wurden übers Internet oder im realen Leben direkt aufgefordert, das Mobbing zu unterlassen. Oftmals verhielten sich die Jugendlichen jedoch passiv – begründet durch ihre eigene wahrgenommene Unsicherheit und Hilflosigkeit, aber auch die Angst, selbst Opfer von Cyber-Mobbing zu werden. 
Die Ergebnisse der Berliner Forscher verdeutlichen, dass auch das scheinbar unbeteiligte Publikum eine wichtige Rolle im Verlauf des Mobbing-Prozesses spielt und einerseits Lösung, andererseits Teil des Problems werden kann. 

 

Quellen: Universität Hohenheim, Technische Universität Berlin