Cyber-Mobbing überschätzt?

Die Bedeutung des Phänomens Cyber-Mobbing wird in der öffentlichen Wahrnehmung überschätzt. Schweizer Wissenschaftler kommen zu dem Schluss: Die Annahme, dass alle Jugendlichen dank der neuen Möglichkeiten gedankenlos „drauflos mobbten“, sei weit von der Realität entfernt.

Der Begriff Cyber-Mobbing bezeichnet verschiedene Formen von aggressivem Verhalten unter Einbeziehung digitaler Medien – wie etwa die Diffamierung, Beleidigung oder Belästigung anderer Menschen per E-Mail, über soziale Netzwerke im Internet, in Chatrooms oder auch mit Hilfe von SMS-Nachrichten. Derlei Verhaltensweisen in der digitalen Welt können durchaus reale Konsequenzen haben: Besonders drastische Einzelfälle sind Opfer, die durch Anfeindungen im sozialen Netzwerk Facebook bis zum Selbstmord getrieben wurden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Cyber-Mobbing oft als eine der größten Gefahren genannt wird, der Jugendliche in der digitalen Welt ausgesetzt sind. Psychologen der Pädagogischen Hochschule Thurgau sowie der Universitäten Zürich und Bern kamen in Zusammenarbeit mit der Universität Konstanz jedoch zu dem Ergebnis, dass die Bedeutung des Phänomens Cyber-Mobbing in der öffentlichen Wahrnehmung eher überschätzt wird.
Für ihre Untersuchungen befragten die Wissenschaftler rund 950 Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 Jahren aus den Kantonen Tessin, Wallis und Thurgau zu aggressivem Verhalten in der digitalen Welt.
Es zeigte sich, dass Cyber-Mobbing etwa dreimal weniger häufig ist als Mobbing in der realen Welt. Im Cyberspace wurden zudem häufig diejenigen Jugendlichen als „Mobber" auffällig, die ohnehin zu aggressivem und antisozialem Verhalten neigten. Eine Rolle spielte auch die Zeit, die Jugendliche im Internet verbringen. Keinen Einfluss hatten hingegen Faktoren wie das Geschlecht oder die Empathiefähigkeit.
Nach Ansicht der Forscher handele es sich beim Cyber-Mobbing eher um eine Verlängerung herkömmlichen Mobbings in die neuen Kommunikationsräume hinein, als um ein eigenständiges Problem.
Im Rahmen der Studie wurden die Jugendlichen auch dazu befragt, als wie belastend sie verschiedene Formen von Mobbing einschätzten. Auch in diesem Punkt zeigte sich, dass Cyber-Mobbing sich bezüglich der wahrgenommenen negativen Auswirkungen nicht vom traditionellen Mobbing unterschied. Für die Jugendlichen rangierte zwar das anonyme und öffentliche Mobbing in der digitalen Sphäre als schlimmstes Szenario, doch als fast genauso schlimm wurde das herkömmliche Mobbing empfunden, wenn es ebenso öffentlich und anonym erfolgt.
Die Wissenschaftler schließen daraus, dass das Medium per se nicht als Angst einflössend wahrgenommen wird, sondern höchstens sein Potenzial, anonyme und weite Kreise ziehende Angriffe zuzulassen.
Aufgrund ihrer Ergebnisse gehen die Forscher davon aus, dass keine spezielle Prävention gegen Cyber-Mobbing nötig sei: Eine klassische Antimobbingprävention, die Sozialkompetenzen und moralische Werte vermittle, greife auch in der digitalen Sphäre.

Literatur
Sticca, F., Ruggieri, S., Alsaker, F. & Perren, S. (2013). Longitudinal risk factors for cyberbullying in adolescence. Journal of Community & Applied Social Psychology, 23 (1), 52-67.

Sticca, F. & Perren, S. (in press). Is cyberbullying worse than traditional bullying? Examining the differential roles of medium, publicity, and anonymity for the perceived severity of bullying. Journal of Youth and Adolescence.

Quelle: Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

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