Depersonalisation bei Jugendlichen häufiger als erwartet

Symptome von Depersonalisation treten bei Jugendlichen viel häufiger auf als in der Normalbevölkerung. Zu diesem Ergebnis kam eine Befragung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Der Begriff Depersonalisation bezeichnet den Verlust oder die Veränderung des natürlichen Persönlichkeitsgefühls. Betroffene empfinden sich als verwandelt, entfremdet und unwirklich – als würden sie neben sich stehen und lediglich Zuschauer des eigenen Handelns sein. Zustände der Depersonalisation treten im Zusammenhang mit psychischen Störungen – wie etwa der posttraumatischen Belastungsstörung, der Panikstörung, der Depression oder der Zwangsstörung – auf, sind aber auch bei gesunden Menschen bei extremer Müdigkeit, Wahrnehmungsbehinderung, in Trance oder Meditation oder ausgelöst durch halluzinogene Drogen möglich. Über das Auftreten derartiger Symptome im Jugendalter weiß man bisher wenig. Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz bezogen daher entsprechende Fragen in ihre Untersuchung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen in Rheinland-Pfalz ein – mit überraschendem Ergebnis.

Eingeschränkte psychische Gesundheit

Insgesamt befragten die Forscher zwischen Januar und Juni 2011 eine repräsentative Stichprobe von 3.809 Schülern im Alter von 12 bis 18 Jahren. In der Auswertung der Daten zeigte sich, dass fast ein Drittel der Jugendlichen (rund 32 Prozent) allgemein über ein erhebliches Ausmaß an psychischer Belastung klagte. Zudem berichteten insgesamt 47 Prozent der Befragten, zumindest an einzelnen Tagen Symptome der Depersonalisation zu erleben. Zwölf Prozent der Schüler bekundeten sogar stark belastende Symptome dieser Störung: Sie berichteten über unangenehme Erfahrungen, sich von sich selbst und der Umwelt abgetrennt zu empfinden oder sich selbst und die Umwelt als unwirklich zu erleben.

Höhere Belastung als in der Allgemeinbevölkerung

Damit wies die Schülergruppe deutlich öfter starke Symptome von Depersonalisation auf als die Allgemeinbevölkerung, in der dies nur mit einer Häufigkeit von ein bis zwei Prozent vorkommt. Bei genauerer Betrachtung der Daten stellte sich heraus, dass Schüler, die Nikotin und Cannabis konsumierten häufiger unter Depersonalisation litten. Zudem hing starke Depersonalisation mit einem niedrigeren sozialen Status, sozialen Ängsten, männlichem Geschlecht, geringerer Schulqualifikation, stark verminderter Selbstwirksamkeit und schlechteren Fähigkeiten, Probleme konstruktiv zu lösen, zusammen.
Nach Ansicht der Forscher müsse in diesem Bereich weiter geforscht werden – um die klinische Relevanz der Depersonalisation im Jugendalter und deren langfristigen Verlauf zu ergründen.

Literatur
Michal, M., Duven, E., Giralt, S., Dreier, M., Müller, K.W., Adler, J. et al. (in press). Prevalence and correlates of depersonalization in students aged 12-18 years in Germany. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology.


16. Dezember 2014
Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Foto © Susanne Koch


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