Der Einfluss der Erfahrung auf die Wahrnehmung

Beim Schätzen von Entfernungen nutzen Personen unbewusst kürzlich gemachte Erfahrungen, stellten Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und des Bernstein Zentrums München kürzlich fest.

Beim Schätzen von Entfernungen nutzen Personen unbewusst kürzlich gemachte Erfahrungen, stellten Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und des Bernstein Zentrums München kürzlich fest. 
Wie kommt es, dass ein und dieselbe Entfernung von einer Person mal als kurz und mal als lang eingeschätzt wird? Einer Studie von Münchner Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und des Bernstein Zentrums zufolge ist für die Schätzung von Entfernungen entscheidend, welche Strecken wir direkt zuvor zurückgelegt haben. Das mag trivial klingen – die Forscher jedoch ziehen aus dieser Erkenntnis wichtige Schlüsse darüber, wie das Gehirn Reize unterschiedlicher Stärke und selbst abstrakte Elemente wie Zahlen verarbeitet. 
Im Rahmen ihrer Untersuchung ließen die Münchner Wissenschaftler ihre Probanden in einer virtuellen Umgebung Entfernungen zurücklegen und diese anschließend so genau wie möglich reproduzieren. Wie schon in früheren Studien zeigte sich, dass die Ergebnisse der Schätzungen vom richtigen Wert abwichen und zum Mittelwert aller bis dahin gelaufenen Wege tendierten.
Die Forscher liefern nun erstmals eine allgemeine Erklärung für dieses Phänomen. Sie gehen davon aus, dass die Tendenz zum Mittelwert nicht aus Verarbeitungsfehlern resultiert, sondern daraus, dass das Wissen um vorherige Erfahrungen unbewusst genutzt wird, um zukünftige Schätzungen zu verbessern. Mit Hilfe eines mathematischen Modells können sie berechnen, wie sich vorangegangene Reize auf aktuelle Schätzungen auswirken und damit die experimentellen Ergebnisse sehr gut vorhersagen. 
Das Modell der Münchner Forscher verbindet zwei altbekannte Gesetze der Psychophysik, die bisher als widersprüchlich angesehen worden waren: das Weber-Fechner-Gesetz und die Stevens‘sche Potenzfunktion. Die Wissenschaftler zeigten nun, dass sich die beiden Gesetze miteinander in Einklang bringen lassen, wenn man das Weber-Fechner-Gesetz mit dem wahrscheinlichkeitstheoretischen Satz von Bayes kombiniert. Somit sollten die Ergebnisse der Münchner Studie für die Wahrnehmungsforschung von grundsätzlicher Bedeutung sein. 
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Einfluss von Vorerfahrungen einem allgemeinen Prinzip folgt. Das heißt, dass auch beim Abschätzen von zum Beispiel Mengen, Helligkeit oder Lautstärken kürzlich gemachte Erfahrungen die Wahrnehmung beeinflussen. 
In zukünftigen Studien planen die Forscher, historische Daten zu analysieren und zu klären, ob sich ihr Modell bei unterschiedlichen Reizmodalitäten tatsächlich bestätigt.

Literatur
Petzschner, F. & Glasauer, S. (2011). Iterative Bayesian estimation as an explanation for range and regression effects - A study on human path integration. The Journal of Neuroscience, 31 (47), 17220-17229. 

 

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

Foto © Steve Harris / flickr.com unter CC BY 2.0