Der Mut der Selbstverliebten

Je narzisstischer ein Vorstandschef, desto höher seine Bereitschaft, bahnbrechend neue Technologien im Unternehmen einzuführen. Diesen Zusammenhang wiesen Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nach.

Personal Computer, E-Book oder Billig-Airline: Dies sind Beispiele für bahnbrechende, sogenannte „diskontinuierliche“ Innovationen, die zu ihrer Zeit dem bestehenden Geschäftsverständnis grundsätzlich zu widersprechen schienen und nach ihrer Einführung ganze Märkte durcheinanderwirbelten. Doch wovon hängt es ab, ob ein etabliertes Unternehmen sich auf eine diskontinuierliche Technologie einlässt oder nicht? Die Antwort auf diese Frage suchten Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem International Institute for Management Development Lausanne und der Pennsylvania State University in einer aktuellen Studie.
Am Beispiel der Reaktion traditioneller Pharmaunternehmen auf die Biotechnologie zwischen 1980 und 2008 versuchten die Forscher mögliche Einflussfaktoren zu identifizieren. Unter anderem wurde mit Hilfe eines eigens entwickelten Evaluationsmodells die Persönlichkeit des jeweiligen Vorstandschefs beleuchtet – mit besonderem Augenmerk auf narzisstische Persönlichkeitszüge. Narzissten zeichnen sich durch ein übersteigertes Selbstbewusstsein aus, das immer wieder durch Aufmerksamkeit bestätigt werden muss, durch ein starkes Streben nach Dominanz, den mangelnden Willen, die Gefühle anderer bei eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen und durch eine gewisse Rastlosigkeit und Ungeduld.
Es zeigte sich, dass die Entscheidung für oder gegen Investitionen in diskontinuierliche Technologien mehr als bislang angenommen von der Persönlichkeit des Vorstandschefs abhing: Je narzisstischer dieser war, desto höher war die Wahrscheinlichkeit einer Investition.
Die Wissenschaftler erklären sich dieses Ergebnis damit, dass Personen mit erhöhten Narzissmuswerten eher daran glauben würden, Innovationen und das damit verbundene Risiko beherrschen zu können. Zudem sei mit bahnbrechenden Technologien eine große Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit, auch für den Vorstandschef verbunden. Tatsächlich fanden die Forscher in ihrer Studie einen entsprechenden Zusammenhang: Narzisstische Vorstandschefs investierten vor allem in Phasen großer öffentlicher Aufmerksamkeit in entsprechende radikale Innovationen.
Nach Angaben der Wissenschaftler seien narzisstische Führungskräfte nicht besser oder schlechter. Sie trügen jedoch dazu bei, organisationale Trägheit und Starre zu überwinden. Wenn eine neuartige Technologie zudem dem konventionellen Ansatz überlegen sei, könne ein narzisstischer Vorstandschef sogar zum Überleben des Unternehmens beitragen.
Die entscheidende Herausforderung für die unternehmerische Praxis werde nach Ansicht der Forscher darin liegen, die negativen Facetten der Persönlichkeit von Narzissten, wie zum Beispiel ihre mangelnde Kritikfähigkeit und Empathie, so gut wie möglich zu kontrollieren, um die positiven Seiten langfristig nutzen zu können.

Literatur
Gerstner, W.-C., König, A., Enders, A. & Hambrick, D. C. (in press). CEO narcissism, audience engagement, and organizational adoption of technological discontinuities. Administrative Science Quarterly.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Beiträge zu diesem Thema
Thema des Monats: Change Management
Politische Kommunikation und Selbstdarstellung

Wo der Unternehmergeist wohnt

Spieglein, Spieglein...

Zwei Gesichter der Narzissten