Dialekte lösen Gruppendenken aus

Wer einen Dialekt hört, identifiziert sich mit der eigenen Gruppe und grenzt sich von anderen ab. Das folgern Sprachwissenschaftler aus einem aktuellen Verhaltensexperiment.

Unsere Sprache und unsere Identität sind untrennbar miteinander verbunden – und dabei spielt nicht nur unsere Muttersprache eine Rolle, sondern auch der regionale Dialekt, mit dem wir aufgewachsen sind. Wissenschaftler des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas an der Philipps-Universität Marburg gingen nun zusammen mit Kollegen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Universität Bristol (England) der Frage nach, wie Dialekte unsere Entscheidungen und unser Handeln beeinflussen.

Ausgeklügeltes Laborexperiment

In einem Laborexperiment hatten insgesamt 342 Teilnehmer aus Thüringen die Aufgabe, Wissens- und Logikfragen zu beantworten sowie mathematische und sprachliche Probleme zu lösen. Dabei bekamen die Probanden nicht wie üblich eine feste Aufwandsentschädigung; stattdessen konnten sie selbst bestimmen, auf welche Weise sie bezahlt werden wollten: So hatten sie die Möglichkeit, ihre vermuteten Leistungen mit denen eines Kontrahenten zu vergleichen. Oder sie verzichteten auf den direkten Leistungsvergleich und wurden nach der Anzahl ihrer richtigen Antworten bezahlt. Wählten sie den Wettbewerb, so bekamen sie deutlich mehr Geld, sofern sie mehr richtige Antworten vorzuweisen hatten als der Kontrahent. Schnitten sie jedoch schlechter oder gleich gut ab, verloren sie Geld.

Sprachlicher Eindruck beeinflusst Handeln

Von ihren Kontrahenten hatten die Teilnehmer lediglich einen sprachlichen Eindruck: Dabei waren die präsentierten Sprachproben entweder im Standarddeutsch gesprochen oder mit einem thüringischen oder bayerischen Dialekt.

Hörten die thüringischen Probanden einen bayerischen Sprecher, wählten sie signifikant häufiger die riskante Bezahlstrategie – und verloren bisweilen Geld. Verwendete derselbe Sprecher die Standardsprache, trat der Effekt hingegen nicht auf. Auch eine Sprachprobe des eigenen, thüringischen Dialekts zeigte keinen Effekt.

Gruppendenken durch Dialekt

Die Wissenschaftler schließen aus ihren Ergebnissen, dass Dialekte ein spezifisches Ingroup-Outgroup-Verhalten aktivieren: Die Empfänger identifizieren sich mit der eigenen Gruppe und grenzen sich von anderen ab. Ob dies in der Alltagskommunikation von Vorteil oder Nachteil sei, müsse in weiteren Studien untersucht werden.

Literatur

Heblich, S., Lameli, A. & Riener, G. (2015). The effect of perceived regional accents on individual economic behavior: A lab experiment on linguistic performance, cognitive ratings and economic decisions [PDF]. PLoS One.

7. April 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Abbildung: © Alfred Lameli, ifl/Nationalatlas


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