Elterliche Überbewertung führt zu kindlichem Narzissmus

Niederländische Psychologen der Universitäten Amsterdam und Utrecht untersuchten in einer aktuellen Studie die Ursprünge des kindlichen Narzissmus.

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung fühlen sich anderen überlegen. Sie betonen ihre persönlichen Talente, Leistungen und Erfolge und glauben, eine besondere Behandlung zu verdienen. Auf Kritik reagieren sie überempfindlich, häufig sogar aggressiv. Alles in allem keine besonders sympathischen Eigenschaften, zumal narzisstische Menschen auch im Ruf stehen, wenig Einfühlungsvermögen zu zeigen und andere für die eigenen Zwecke auszubeuten. Bisher ist wenig darüber bekannt, wo die Ursprünge der narzisstischen Persönlichkeitsstörung liegen. Neue Anhaltspunkte lieferte nun eine Studie von niederländischen Psychologen der Universität Amsterdam sowie der Universität Utrecht.

Elterliche Überbewertung oder fehlende Wärme?

Die Wissenschaftler verglichen in ihrer Untersuchung zwei unterschiedliche Erklärungsansätze für die Entstehung von Narzissmus: Zum einen betrachteten sie die Perspektive der sozialen Lerntheorie. Nach dieser entsteht Narzissmus dadurch, dass Eltern ihre Kinder überbewerten, ihnen vermitteln, sie seien etwas Besonderes und mehr wert als andere Kinder. Zum anderen wurde die psychoanalytische Entstehungstheorie in die Untersuchung einbezogen. Nach dieser liegen die Wurzeln des Narzissmus in fehlender elterlicher Wärme, Zuneigung und Wertschätzung.

Prospektive Langzeitstudie

Im Rahmen einer prospektiven Langzeitstudie wurden insgesamt 565 Kinder und ihre Eltern viermal im Abstand von jeweils sechs Monaten untersucht. Sie beantworteten Fragen zum kindlichen Narzissmus, zum Selbstwert des Kindes, zur Bewertung des Kindes durch die Eltern sowie zur elterlichen Wärme und Zuneigung. Zu Beginn der Untersuchung waren die Kinder sieben bis zwölf Jahre alt – das Alter, in dem interindividuelle Unterschiede in den Narzissmuswerten erstmalig auftreten.

Soziale Lerntheorie bestätigt

Die Analyse der erhobenen Daten stützte Hypothese der sozialen Lerntheorie: Hohe Narzissmuswerte hingen vor allem mit elterlicher Überbewertung des Kindes zusammen, nicht aber mit einem Mangel an elterlicher Wärme. Entsprechend scheinen Kinder narzisstische Verhaltensweisen zumindest zum Teil dadurch zu erwerben, dass sie die überhöhten Ansichten ihrer Eltern verinnerlichen.

Auch zeigte sich in den Daten, dass elterliche Wärme, Zuneigung und Wertschätzung zwar nicht mit den Narzissmuswerten, wohl aber mit einem gesunden Selbstbewusstsein der Kinder im Zusammenhang stand.

Frühe Sozialisationserfahrungen

Die Forscher schließen aus ihren Analysen, dass Narzissmus ein Ergebnis bereits früher Sozialisationserfahrungen ist. In Anbetracht der steigenden Narzissmusraten unter westlichen Jugendlichen, plädieren sie für die Einführung spezieller Eltern-Informations- und Trainingsmaßnahmen – um narzisstische Entwicklungen frühzeitig zu stoppen. Narzisstische Persönlichkeitszüge dürften nicht mit einem gesunden Selbstbewusstsein verwechselt werden und täten weder dem Individuum noch der Gesellschaft gut.

Literatur

Brummelman, E., Thomaes, S., Nelemans, S. A., Orobio de Castro, B., Overbeek, G. & Bushman, B. J. (in press). Origins of narcissism in children [Abstract]. Proceedings of the National Academy of Sciences.

21. April 2015
Quelle: Proceedings of the National Academy of Sciences
Foto: © Annika Strupkus


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