Frühe Hilfen für Kinder lohnen sich doppelt

Gießener Wissenschaftlerinnen haben in einer „Kosten-Nutzen-Analyse Früher Hilfen“ nachgewiesen, wie verhängnisvoll die aktuelle Finanzierungspraxis für die Betroffenen und auch die Gesellschaft ist und um wie viel günstiger Prävention in den ersten Lebensjahren.

Die Sensibilität für das Thema Kindeswohlgefährdung ist in den letzten Jahren in Deutschland deutlich gestiegen. Vielerorts sind Programme und Projekte zur Verbesserung des Kinderschutzes entstanden, in denen die Vernetzung und Kooperation zwischen Gesundheits- und Jugendhilfe gestärkt und Angebote für junge Familien ausgebaut wurden. Gleichwohl werden präventive, niedrigschwellige Angebote gegenüber den Pflichtaufgaben in der Kinder- und Jugendhilfe immer noch als nachrangig behandelt, insbesondere bei prekärer kommunaler Haushaltslage. Eine Studie von Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe und Dipl. oec. troph. Inga Wagenknecht, beide vom Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen, zeigt jedoch, dass sich durch Prävention in den ersten Lebensjahren von Kindern ein Vielfaches an Folgekosten einsparen lässt. Die Studie wurde im Auftrag des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen erstellt.

Die Befunde sprechen für einen Paradigmenwechsel in den Finanzierungsstrukturen von Gesundheitswesen und Jugendhilfe: Gelingt es, durch Frühe Hilfen – das heißt ab der Geburt bis zum dritten Lebensjahr des Kindes – Entwicklungsrisiken zu erkennen, einen guten Zugang zu gefährdeten Familien herzustellen, Unterstützung und Hilfen anzubieten und damit Kindesvernachlässigungen und Misshandlungen zu verhindern, ist das für das Wohlergehen der Kinder, aber auch für die Gesellschaft von hohem Wert und führt somit zu einer „doppelten Dividende“. Die derzeitige Finanzierung mit Schwerpunkt in den späteren Lebensjahren sollte deshalb nach Ansicht von Professor Meier-Gräwe zugunsten einer Unterstützung von Geburt an verändert werden.

Diese Präventionskosten sind jedoch minimal, wenn man sie mit den Folgekosten einer Kindeswohlgefährdung vergleicht. Denn Kindesmisshandlung und Vernachlässigung haben für die betroffenen Kinder schwerwiegende Folgen, die weit über die unmittelbare Schädigung hinausgehen und sich unter anderem in Entwicklungsverzögerungen, psychischen Störungen, Schulversagen aber auch erhöhten Straffälligkeitsraten zeigen.

Im Rahmen der Studie wurden zwei moderate und zwei pessimistische Szenarien von Kindeswohlgefährdung betrachtet. Sie zeichnen fallbezogen die Folgen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung im Lebenslauf nach und zeigen, welche Kosten hierdurch kurz- und langfristig entstehen – unter anderem Kosten für Angebote der Jugendhilfe, für die Behandlung von Folgeerkrankungen wie psychische Störungen, Kosten durch Straffälligkeit sowie Wertschöpfungsverluste durch Arbeitslosigkeit und geringe berufliche Qualifikation. Vergleicht man diese Folgekosten mit den Kosten Früher Hilfen zeigt sich, dass diese im moderaten Szenario 60- und beim pessimistischen Szenario 159-mal höher liegen als die Kosten der Prävention.

23. August 2011

 Quelle: Informationsdienst Wissenschaft 

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