Fukushima vergessen?

Die subjektive Einstellung der Deutschen zur Atomkraft hat sich auch mit zeitlichem Abstand zur Katastrophe von Fukushima und nach beschlossenem Ausstieg aus der Kernenergie kaum verändert. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung in der deutschen Bevölkerung, die wenige Tage nach dem Reaktorunfall gestartet wurde.

Die Wissenschaftler des Instituts für Sozial- und Organisationspsychologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) befragten in einer ersten Fragerunde direkt nach dem Reaktorunfall rund 500 Personen im Alter von 14 bis 74 Jahren. Untersucht wurden drei Fragekomplexe: Zum einen wurde ermittelt, wie Gefahrenbewusstsein, Gerechtigkeitsurteile, Emotionen (wie Ängste und Empathie) sowie Bereitschaften im Zusammenhang mit der Atomenergie in der allgemeinen Bevölkerung direkt nach dem Reaktorunfall ausgeprägt waren. Des Weiteren interessierten sich die Forscher dafür, in welchem Ausmaß die Bereitschaft bestand, sich für den Ausstieg aus der Atomkraft bzw. deren Beibehaltung zu engagieren. Zudem erfragten sie die zugrundeliegenden Motivstrukturen.
Es zeigte sich, dass bei den 500 Teilnehmern der ersten Befragung eine hohe Bereitschaft bestand, sich für den Ausstieg zu engagieren, sei es durch die Teilnahme an öffentlichen Kundgebungen, durch Verzicht oder auch durch Investitionen im privaten Energiebereich. Dieses Engagement begründete sich nach Angaben der Forscher jedoch nicht in Ängsten und Sorgen um die eigene Gesundheit, sondern war in erster Linie Ausdruck des (Un-)Gerechtigkeitserlebens der befragten Bürger. Denn während Ängste und Sorgen unmittelbar nach dem Reaktorunglück moderat ausgeprägt waren, bestand ein hoch ausgeprägtes Ungerechtigkeitsgefühl gegenüber der Atomkraft.
Um zu untersuchen, ob und wie sich das subjektive Erleben mit zeitlichem Abstand veränderte, wurden über 200 Teilnehmer ein halbes Jahr später im Sommer 2011 erneut befragt.
Die Ergebnisse der zweiten Befragung belegten die Stabilität der Befunde: Das Interesse und das Engagement im Bereich Atomkraft hatte mit zeitlichem Abstand nur in sehr geringem Maße abgenommen und das Verhalten zur Unterstützung des Atomausstiegs stand weiterhin in engem Zusammenhang mit dem (Un-)Gerechtigkeitserleben in der Bevölkerung. Ein interessanter Befund der zweiten Befragungsrunde waren die – trotz objektiv eher gesunkener Gefahrenpotentiale – gestiegenen Ängste und Sorgen um die eigene Gesundheit. Gaben in der ersten Studie 67 Prozent der Befragten an, keine Ängste und Sorgen bezüglich der eigenen Gesundheit aufgrund von Atomkraft zu empfinden, waren es in der Folgebefragung nur noch 46 Prozent.
Die Psychologen der KU schließen aus dem steten Interesse und den gestiegenen Ängsten, dass die Atomenergie und die Energiegewinnung nach wie vor auch jenseits des politischen Tagesgeschehens und des einseitigen deutschen Atomausstiegs für die deutsche Bevölkerung ein wichtiges Thema sind.

Weiterführende Informationen
Projekt "Urteile und Engagementbereitschaften von Bürgern(innen) gegenüber Kernenergie vor dem Hintergrund des Reaktorunglücks in Japan"

 

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

Foto © thierry ehrmann / flickr.com unter CC BY 2.0