Gruppenzwang im Vorschulalter

Bereits Vierjährige richten ihre öffentliche Meinung an der Mehrheit aus. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen (Niederlande).

Bereits Vierjährige richten ihre öffentliche Meinung an der Mehrheit aus. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen (Niederlande).
Erwachsene und Jugendliche orientieren sich in ihrem Verhalten und ihren Meinungsäußerungen an der Mehrheitsmeinung ihrer jeweiligen Bezugsgruppe – oft auch entgegen besseren Wissens. Beim Erwerb von kultur- bzw. gruppenspezifischen Verhaltensweisen spielt diese Ausrichtung des eigenen Verhaltens an dem anderer Gruppenmitglieder eine wichtige Rolle. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts haben das beschriebene Phänomen jetzt an 96 Vorschulkindern im Alter von vier Jahren untersucht.
Im ersten Teil der Studie erhielten jeweils vier Kinder scheinbar identische Bücher mit 30 Doppelseiten, auf denen Tierfamilien dargestellt waren: Links Mutter, Vater und Kind zusammen, rechts nur ein Familienmitglied. Die Kinder sollten nun bestimmen, um welches Familienmitglied es sich handelte. Was die Kinder nicht wussten, war, dass tatsächlich nur drei der Bücher identisch waren – beim vierten war auf der rechten Seite manchmal ein anderes Bild zu sehen. Das Kind, welches das abweichende Buch erhalten hatte, wurde somit mit den aus seiner Sicht völlig falschen Einschätzungen dreier Gleichaltriger konfrontiert. Von 24 Kindern, denen es so erging, passten sich 18 Kinder in einem oder in mehreren Fällen der mehrheitlichen Einschätzung an, obwohl sie es eigentlich besser wussten.
Aus welchen Gründen sich bereits Vorschulkinder der Mehrheit anpassen, untersuchten die Forscher im zweiten Teil der Studie. Abhängig davon, ob eine Lampe leuchtete oder nicht, sollten die Kinder nun die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder still auf das entsprechende Tier zeigen, sodass nur der Studienleiter, nicht aber die anderen Kinder die Antwort sehen konnten. Wenn sie ihre Antwort laut aussprechen mussten, übernahmen von 18 Kindern, die nicht der Mehrheit angehörten, 12 in einem oder mehreren Fällen deren Einschätzung. Sollten sie hingegen still auf die richtige Antwort zeigen, übernahmen nur 8 von 18 Kindern die Mehrheitsmeinung. Die Kinder passten also in der Regel ihre öffentliche, nicht aber ihre private Antwort der Mehrheit an. Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass die Anpassung soziale Gründe hat, dass die Kinder sich also der Mehrheitsmeinung beugten, um zum Beispiel die Akzeptanz innerhalb der Gruppe nicht zu gefährden.

Literatur
Haun, D. B.M. & Tomasello, M. (in press). Conformity to peer pressure in preschool children. Child Development.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

 

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