Hilfe für funktionale Analphabeten

Psychologen der Universität Bamberg forschten zu den Ursachen des funktionalen Analphabetismus und entwickelten Trainingsprogramme für Betroffene.

14,5 Prozent der Menschen in Deutschland im Alter von 18 bis 64 Jahren leiden unter „funktionalem Analphabetismus“: Sie haben Probleme damit, selbst einfache Wörter, Sätze oder Texte zu lesen und können nur mit Mühe schreiben. Für die Betroffenen bedeuten damit alltägliche Tätigkeiten, wie etwa die Tabelle mit den Busabfahrtszeiten zu entziffern, eine Herausforderung. Scham und Leidensdruck sind groß.

Neuronale Grundlage des funktionalen Analphabetismus

Bamberger Psychologen forschten in einem aktuellen Projekt nun zu den Ursachen des funktionalen Analphabetismus, wobei ihr Fokus auf den zugrundeliegenden neuronalen Prozessen lag: Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) und der Elektroenzephalografie (EEG) untersuchten sie bei 120 Probanden die am Leseprozess beteiligten Netzwerke im Gehirn.

Auditive Wahrnehmung verändert

Sie konnten erstmals nachweisen, dass funktionaler Analphabetismus nicht nur soziale, sondern auch neurobiologische Ursachen hat: Bei den Betroffenen sind die Nervenzellen, die für die auditive Wahrnehmung zuständig sind, schlechter ausgebildet als bei Erwachsenen mit normalen Lesefähigkeiten. Sie können in der Folge sehr kurze, nur wenige Millisekunden dauernde akustische Reize nicht oder nur schlecht unterscheiden. Ähnlich klingende Laute wie „ba“, „pa“, „ta“ und „da“ sind für sie kaum zu erkennen. Die Fähigkeit, solche Laute zu identifizieren, ist allerdings eine Grundvoraussetzung dafür, diese in Schriftzeichen umzusetzen und damit entscheidend für Lese- und Schreibkompetenz.

Trainingsprogramme für Erwachsene

Auf Basis ihrer Ergebnisse entwickelten die Wissenschaftler zwei Trainingsprogramme: „AlphaPlus“ richtet sich an Langzeitarbeitslose, die aufgrund ihres funktionalen Analphabetismus als berufsunfähig gelten. „AlphaPlus Job“ hingegen ist auf die Bedürfnisse Berufstätiger abgestimmt, zum Beispiel durch Wortschatzübungen mit Begriffen, die in bestimmten Berufsfeldern gehäuft vorkommen. Die Programme enthalten unter anderem einen „Audiotrainer“ zur Übung der Wahrnehmung optischer und akustischer Reize sowie zur Unterscheidung ähnlich klingender Laute. Mit dem Computerprogramm „Orthofix“ werden die Lese- und Schreibkompetenz sowie der Wortschatz ausgebaut. Ein „Lateraltrainer“ soll die Zusammenarbeit der Gehirnhälften verbessern.
Erste Evaluationsergebnisse belegen die Wirksamkeit der Programme: Gehirnbereiche, die am schnellen und automatisierten Erkennen von Wörtern beteiligt sind, waren nach dem Training deutlich stärker aktiviert als zuvor. Die Lese- und Schreibfähigkeiten hatten sich im Anschluss merklich verbessert.

30. Juli 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
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