Mit Achtsamkeit gegen Schmerz

Wie Achtsamkeit zur Verminderung des Leidensdrucks von Schmerzen beitragen kann, untersuchten Wissenschaftler aus Gießen in Zusammenarbeit mit amerikanischen und niederländischen Forschern.

Wie Achtsamkeit zur Verminderung des Leidensdrucks von Schmerzen beitragen kann, untersuchten Wissenschaftler aus Gießen in Zusammenarbeit mit amerikanischen und niederländischen Forschern. 
Achtsamkeit ist eine besondere innere Haltung, in der allem Erlebten genau so begegnet wird, wie es sich im gegenwärtigen Moment darstellt. Dabei wird die Aufmerksamkeit beispielsweise bewusst auf bestimmte Sinnesempfindungen gelenkt, um diesen dann mit Akzeptanz und neutral, also ohne Bewertung, zu begegnen. 
Schon seit Jahren wird die Achtsamkeitsmeditation zur Behandlung chronischer Schmerzerkrankungen erfolgreich eingesetzt. Wie genau diese Form der Meditation das subjektive Leiden unter Schmerzen auf neuronaler Ebene vermindert, hat ein Team aus Wissenschaftlern der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) in Zusammenarbeit mit der Harvard Medical School in Boston (USA) und der Universität Maastricht (Niederlande) nun untersucht.
Für die Studie wurden mit Hilfe der Kernspintomographie von 34 gesunden Versuchspersonen – die Hälfte von ihnen erfahrene Achtsamkeitsmeditierende – Aufnahmen der Hirnaktivierung angefertigt. Während der Messungen erhielten die Probanden am rechten Unterarm ungefährliche, aber leicht schmerzhafte elektrische Schocks. Die Wissenschaftler instruierten nun ihre Versuchspersonen, den elektrischen Reizen mit verschiedenen inneren Haltungen zu begegnen: mit einem Zustand der Achtsamkeit oder in einem neutralen alltagsüblichen Zustand. Im Anschluss schätzten die Probanden den Grad des Schmerzes, die Stärke der Elektroschocks sowie ihre eigene Angst vor den Schocks ein. 
Es zeigte sich, dass Probanden im Zustand der Achtsamkeit den Schmerz zwar sehr wohl spürten, ihn aber als signifikant weniger unangenehm erlebten. Sie hatten zudem deutlich weniger Angst vor den Elektroschocks. Dies führen die Forscher darauf zurück, dass im Zustand der Achtsamkeit die für die Bewertung des Schmerzreizes verantwortlichen Hirnareale weniger stark aktiviert werden. Denn im Gehirn der Achtsamkeitsmeditierenden waren die Areale, die für die sensorische Verarbeitung des Reizes zuständig sind, zwar stärker aktiviert, doch die Aktivierung in den seitlich-präfrontalen Arealen, in denen eine kognitive Neu-Interpretation des Schmerzes stattfindet, nahm ab. 
Das beobachtete Muster der Hirnaktivierung unterscheidet sich deutlich von anderen Strategien der Schmerzregulation. Üblicherweise ist genau das Gegenteil zu beobachten: Probanden, die einen Schmerz für nicht so schlimm halten, weil sie Kontrolle darüber haben, zeigen eher eine erhöhte Aktivierung in den seitlich-präfrontalen Regionen, während die Aktivierung in den sensorischen Arealen abnimmt. 
Schon frühere Forschungen hatten gezeigt, dass Achtsamkeitsmeditation die innere Haltung gegenüber dem Schmerz verändern und den Leidensdruck verringern kann. Die Wissenschaftler erhoffen sich nun aus den gewonnenen Erkenntnissen zu den zugrundeliegenden neurologischen Prozessen neue Entwicklungen für die Behandlung für chronischer Schmerzerkrankungen. 

Literatur
Gard, T., Hölzel, B. K., Sack, A. T., Hempel, H., Lazar, S. W., Vaitl, D. et al. (2011). Pain attenuation through mindfulness is associated with decreased cognitive control and increased sensory processing in the brain. Cerebral Cortex, doi: 10.1093/cercor/bhr352.

 

Quelle: Justus-Liebig-Universität Gießen