Mit Sachinformationen gegen Stigmatisierung

Wenn die fließenden Übergänge zwischen psychischer Krankheit und Gesundheit stärker betont werden, verringert sich das Stigma psychischer Krankheit. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Epidemiologische Studien zeigen, dass fast alle Menschen einzelne Symptome von psychischen Krankheiten erleben, ohne jedoch eine Diagnose zu erhalten. Denn erst wenn mehrere Symptome zusammentreffen bzw. wenn sie einen gewissen Schweregrad erreichen, spricht man von einer psychischen Krankheit. Doch obwohl es also fließende Übergänge von psychischer Gesundheit zu psychischer Krankheit gibt, werden häufig eher die Unterschiede dieser beiden „Zustände“ betont.

Unterschiedliche Darstellung psychischer Probleme

Forscher der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald untersuchten nun zusammen mit Kollegen der Universitäten Regensburg, Cagliari (Italien) und New York (USA), inwiefern eine andere Art der Information über psychische Probleme die Einstellung gegenüber Betroffenen verändern kann. In ihrer Online-Studie legten sie insgesamt 1.679 Versuchspersonen entweder einen Text vor, der das Kontinuum von psychischer Gesundheit und Krankheit erklärt, oder einen Text, der die Unterschiede zwischen beiden Zuständen betont. Eine dritte Gruppe erhielt keinen Text. Anschließend beantworteten die Probanden Fragen zu einer Person, die entweder an einer schweren Depression oder an einer Schizophrenie litt.

Kleine Veränderung, große Wirkung

Es zeigte sich, dass die Personen, die den Text über das Kontinuum psychischer Gesundheit gelesen hatten, die erkrankte Person als deutlich weniger andersartig wahrnahmen und eher bereit waren, mit ihr in persönlichen Kontakt zu treten, als die übrigen Teilnehmer.

Die Wissenschaftler schließen aus diesem Ergebnis, dass selbst ein einfacher Informationstext die Einstellungen zu Menschen mit psychischen Krankheiten erheblich verbessern kann – wenn er die richtigen Informationen enthält.

Neue Ansätze zur Bekämpfung des Stigmas dringend nötig

Stigma wird auch als „zweite Krankheit“ bezeichnet: Es stellt eine schwere zusätzliche Belastung für Menschen mit psychischen Krankheiten dar, kann die Prognose verschlechtern und Suizidalität verstärken. Viele Betroffene zögern zudem, notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie Ablehnung und Diskriminierung befürchten. Leider zeigen langfristige Untersuchungen in Deutschland und anderen Ländern, dass insbesondere die Ablehnung von Menschen mit schweren psychischen Krankheiten in den vergangenen Jahren eher noch zugenommen hat. Umso wichtiger sind neue Ansätze bei der Bekämpfung des Stigmas. Sachliche Informationen über das Kontinuum psychischer Gesundheit könnten ein erster Schritt sein.

Literatur

Schomerus, G., Angermeyer, M.C., Baumeister, S.E., Stolzenburg, S., Link, B.G. & Phelan, J.C. (2016). An online intervention using information on the mental health-mental illness continuum to reduce stigma. European Psychiatry, 32, 21–27.

15. März 2016
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © augustino – Fotolia.com


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