Moralisch verwerflich?

Psychologen der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig erforschen das Phänomen des Spickens.

Es gibt wohl kaum eine Schulklasse, in der das nicht vorkommt: abschreiben, schummeln, spicken. Und kaum einen Lehrer, der sich nicht die Frage stellen muss, wie er dieses Verhalten bewerten soll. Leipziger Psychologen versuchen sich nun dem Phänomen des Spickens wissenschaftlich zu nähern. Im Fokus ihrer unterschiedlichen Studien stehen dabei die moralischen Aspekte.
Unter anderem kamen die Schüler selbst zu Wort. Dabei stellte sich heraus, dass sich 36 Prozent der befragten Schüler dagegen aussprachen, in der Schule abzuschreiben oder einen Spickzettel zu benutzen. Mehr als die Hälfte der Mädchen und Jungen fanden es allerdings völlig in Ordnung, derartige „Hilfsmittel“ zu benutzen. Vor allem ältere Schüler akzeptierten das Spicken als selbstverständlichen Teil ihres Alltags. Dies bestätigt frühere Forschungsergebnisse, nach denen mit zunehmendem Alter der Lernenden die Akzeptanz für das Abschreiben wächst und das schlechte Gewissen geringer wird. Die Wissenschaftler nehmen an, dass der größer werdende Leistungsdruck in den höheren Klassen die Schüler zu mehr Unehrlichkeit verleite.
Da auch das Verhalten des Lehrers eine wichtige Rolle spiele, befragte das Team im Rahmen seiner Studien zudem angehende Lehrkräfte. Diese sollten sich einerseits aus dem Blickwinkel der noch Lernenden, die selbst noch Prüfungen ablegen müssen, und andererseits aus Sicht der zukünftigen Lehrer zum Spicken positionieren.
Es zeigte sich, dass die Akzeptanz des Spickens in dieser Gruppe sehr unterschiedlich war. Die Mehrzahl der Gymnasialstudierenden war sich einig, dass – aus Pädagogensicht betrachtet – das Benutzen von Spickzetteln bestraft werden sollte. Bei den angehenden Grundschulpädagogen wurde hingegen häufiger die Ansicht vertreten, dass das Mogeln keine Konsequenzen haben sollte.
Die Toleranzgrenze der Lehramtsstudenten bei der Frage, wann das Mogeln beginne, erwies sich ebenfalls als sehr individuell verschieden: Während einige schon den Blick aufs Handy als ein Indiz für möglichen Betrug deuteten, war dies für andere noch kein Grund zur Beunruhigung.
Die Psychologen kritisieren, dass das Thema „spicken“ nicht zum Lehrplan in der Lehrerausbildung gehöre: Dadurch setzten sich viele Pädagogen zu wenig mit dieser Problematik auseinander und seien in dieser Hinsicht oft nicht konsequent genug. Zudem habe ein Pädagoge, der mit seinen Schülern offen über das Mogeln spricht, weniger Probleme damit als seine Kollegen, die dieses Thema nicht mit ihrer Klasse diskutieren. Nach Ansicht der Wissenschaftler sollten die Lehrer ihren Schülern verdeutlichen, dass sie nicht mogeln sollten. Denn nur dann könne die Lehrkraft feststellen, was die Kinder vom abgefragten Lernstoff noch nicht verstanden hätten.
Die Leipziger Psychologen planen, ihre Befragung von Lehramtsstudierenden in den kommenden Monaten fortsetzen.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
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