Positiver Einfluss geschlechtergerechter Sprache

Die Nutzung einer geschlechtergerechten Sprache beeinflusst die kindliche Wahrnehmung von Berufen. Zu diesem Schluss kamen Psychologen der Freien Universität Berlin.

„Ingenieurinnen und Ingenieure“, „Automechanikerinnen und Automechaniker“, „Psychologinnen und Psychologen“: Werden bei Berufsbezeichnungen explizit die weiblichen und die männlichen Formen erwähnt, mutet das redundant und umständlich an. Allerdings scheint laut einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin eine geschlechtergerechte Sprache mehr Einfluss zu haben als bisher gedacht.

Zwei Studien mit Grundschulkindern

Ein Team von Psychologen las im Rahmen von zwei Experimenten insgesamt 591 Grundschülern aus deutschen und belgischen Schulklassen im Alter von sechs bis zwölf Jahren Berufsbezeichnungen vor: entweder in geschlechtergerechter, also in männlicher und weiblicher Form, oder nur in der männlichen Form. Insgesamt waren es 16 Berufe, von denen acht einen Frauenanteil von weniger als 30 Prozent aufweisen und entsprechend als typisch männlich angesehen werden (zum Beispiel Automechaniker). Fünf der genannten Berufe waren hingegen typisch weiblich mit einem Frauenanteil von mehr als 70 Prozent (zum Beispiel Kosmetikerin). Hinzu kamen drei neutrale Berufe.

Die Kinder schätzten für jeden genannten Beruf in einem Fragebogen ein, wie viel man in dem jeweiligen Beruf verdient, wie wichtig er ist, wie schwer es ist, ihn zu erlernen und auszuführen – und ob sie sich selbst zutrauen würden, diesen Beruf zu ergreifen.

Kinder trauen sich selbst mehr zu

Es zeigte sich, dass Kinder, denen die geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen präsentiert worden waren, sich selbst eher zutrauten, einen „typisch männlichen“ Beruf zu ergreifen als Kinder, denen nur die männliche Pluralform genannt worden war. Die typisch männlichen Berufe wurden nach der geschlechtergerechten Bezeichnung als leichter erlernbar und weniger schwierig eingeschätzt als nach der rein männlichen Bezeichnung.
Die Forscher nehmen an, dass Kinder bereits im Grundschulalter gelernt haben, männlich besetzte Aufgaben mit höherer Schwierigkeit zu assoziieren. Und auch mit einem höheren Gehalt: Bei Verwendung geschlechtergerechter Sprache wurden die „typisch männlichen“ Berufe als schlechter bezahlt und als weniger wichtig angesehen als nach Nennung der rein männlichen Berufsbezeichnung.

Stereotype aushebeln oder fördern?

Offenbar könne eine geschlechtergerechte Sprache die Wirkung von Geschlechtsstereotypen im beruflichen Bereich aushebeln, so die Forscher. So könne eine systematische Verwendung dieser Sprachformen möglicherweise einen Beitrag dazu leisten, mehr junge Leute für eine Karriere in den sogenannten „MINT-Berufen“ (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu motivieren. Bedenklich sei allerdings, dass geschlechtergerechte Bezeichnungen die Bewertung der Berufe bezüglich Wichtigkeit und Lohn negativ beeinflussten.

Literatur

Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy [Abstract]. Social Psychology, 46 (2), 76-92.

30. Juni 2015
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs)
Foto: © ehrenberg-bilder – Fotolia.com


Weitere Beiträge zum Thema

Pränataler Hormonspiegel beeinflusst Berufsinteresse
Dynamische Anpassung von Berufswünschen
Ursprünge der Berufswahl in der Kindheit