Was verhilft Jungen zu besseren Schulleistungen?

Das Geschlecht der Lehrkraft hat keinen nachweisbaren Einfluss auf den Bildungserfolg von Schülern. Dies geht aus einer Überblicksstudie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hervor.

Die aktuelle PISA-Studie der OECD bestätigte erneut: Jungen zeigen in der Schule schlechtere Leistungen als Mädchen. Seit wann dieser Geschlechtsunterschied besteht und inwiefern das Geschlecht der Lehrkraft einen Einfluss hat, untersuchten nun Forscher des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Für ihren Überblick werteten sie insgesamt 42 Studien mit Daten zu rund 2,4 Millionen Schülern aus 41 Ländern aus.

Männliche Lehrkräfte helfen Jungen nicht

Oft wurde vermutet, dass ein höherer Anteil männlicher Lehrkräfte Jungen zu einem höheren Bildungserfolg verhelfen könnte. Allerdings zeigte die Auswertung der Studien, dass Lehrkräfte des jeweils gleichen Geschlechts die schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen nicht verbessern: Mädchen profitieren nicht besonders von Lehrerinnen, Jungen nicht von Lehrern. Sie erwerben durch sie weder höhere Kompetenzen, noch erhalten sie bessere Noten oder eine Empfehlung für eine höhere Schulform. Politische Programme, die durch mehr männliche Lehrer die Bildungskrise der Jungen zu lösen versuchten, seien somit vermutlich wirkungslos, so die Forscher.

Mädchen schon lange stärker in der Schule

Zudem fand sich in der Forschungsliteratur kein Beleg dafür, dass sich die Schulleistungen von Jungen in den vergangenen Jahrzehnten verschlechtert hätten: Zwischen 1914 und 2011 war keine Veränderung der Notenunterschiede zwischen Mädchen und Jungen nachweisbar. Dieser Befund stützt die Annahme, dass sich Mädchen schon immer besser in der Schule zurechtgefunden haben. Allerdings konnten sie dies lange nicht in entsprechende Abschlüsse umsetzen, wie eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigte: Erst Anfang der 1990er-Jahre überholten die Mädchen die Jungen auch bezüglich der Zertifikate.

Leistungsbereitschaft und Männlichkeit

Die Unterschiede in der Schulleistung führen die Autoren beider Studien auf Unterschiede in der Leistungsbereitschaft zurück: Mädchen seien oft motivierter, disziplinierter und fleißiger, was sich in besseren Noten niederschlage. Diese Verhaltensweisen gälten jedoch bei Jungen häufig noch als uncool; sie widersprächen dem geschlechtstypischen Konzept von Männlichkeit. Inwiefern die Schule am Rollenverhalten der Schüler etwas ändern könne, sei eine offene Frage.

Entfremdung und traditionelle Rollenmuster

Erst kürzlich hatten Forscher der Universität Luxemburg auf zwei mögliche Ursachen für den geringeren schulischen Erfolg von Jungen hingewiesen – und damit in eine ähnliche Richtung argumentiert: Sie hatten Fragebögen, Gruppendiskussionen und Videoaufnahmen des Unterrichts verwendet, um das Verhalten von 872 Kindern im Alter von 13 bis 14 Jahren zu untersuchen und mit ihren schulischen Leistungen ins Verhältnis zu setzen. Zum einen zeigten Jungen mit schlechten Schulnoten eher eine Tendenz, sich von der Schule zu entfremden und diese als sinnlos zu betrachten. Zum anderen hielten diese stärker als ihre Altersgenossen an einer traditionellen Meinung bezüglich ihrer Geschlechterrolle fest, also daran, dass Männer stärker sind als Frauen und diese führen sollten. Nach Ansicht der Luxemburger Forscher könne diesen Schülern ein autoritärer Unterrichtsstil mit einer strukturierten, engagierten, aber auch sehr kontrollierten Einstellung helfen.

Literatur

Helbig, M. (2015). Brauchen Mädchen und Jungen gleichgeschlechtliche Lehrkräfte? Eine Überblicksstudie zum Zusammenhang des Lehrergeschlechts mit dem Bildungserfolg von Jungen und Mädchen [Abstract]. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online.

Hadjar, A., Backes, S. & Gysin, S. (2015). School alienation, patriarchal gender-role orientations and the lower educational success of boys. A mixed-method study. Masculinities and Social Change, 4 (1), 87-116.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2015). Schwach im Abschluss. Warum Jungen in der Bildung hinter Mädchen zurückfallen – und was dagegen zu tun wäre. Berlin: Berlin-Institut.

OECD (2015). The ABC of gender equality in education. Aptitude, behaviour, confidence. PISA, OECD Publishing.

22. September 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © lassedesignen – Fotolia.com


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