Wege aus der Angst

Kurzzeit-Psychotherapien wirken langfristig erfolgreich gegen soziale Phobien, bestätigt eine umfassende Untersuchung des Forschungsverbunds SOPHO-NET.

Die soziale Phobie ist die in Deutschland am stärksten verbreitete Angststörung: Es wird davon ausgegangen, dass zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben eine soziale Phobie entwickeln. In vielen Fällen beginnt die Störung bereits im Jugendalter. Betroffene haben krankhafte Angst davor, in sozialen Situationen von anderen negativ beurteilt zu werden oder sich peinlich zu verhalten. Deshalb ziehen sie sich zurück und vermeiden es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Oft führt dies zu erheblichen privaten und beruflichen Einschränkungen – und in extremen Fällen zu Isolation und Vereinsamung.
Als mögliche Behandlungen der sozialen Phobie gelten Medikamente und Psychotherapien. In einer der weltweit größten Studien zu diesem Thema verglichen deutsche Wissenschaftler des Forschungsverbunds SOPHO-NET nun verschiedene Therapieansätze.
Für die multizentrische Untersuchung wurden insgesamt 495 Patienten zufällig in drei Gruppen eingeteilt: Neun Monate lang durchliefen die Patienten der ersten Gruppe eine  kognitive Psychotherapie. Die der zweiten absolvierten im gleichen Zeitraum eine psychodynamischen Therapie. Die dritte Gruppe blieb über sechs Monate hinweg unbehandelt.
In beiden Psychotherapie-Gruppen zeigten sich mit 60 beziehungsweise 52 Prozent der Patienten in ähnlichem Umfang deutliche Heilungsanzeichen. 36 Prozent beziehungsweise 26 Prozent der Teilnehmer wiesen überhaupt keine klinischen Symptome der sozialen Phobie mehr auf. In beiden Therapie-Gruppen besserte sich auch die Depressivität. In der Wartelisten-Gruppe hingegen zeigte sich nur bei 15 Prozent der Patienten eine Verbesserung der Symptomatik.
Die Wissenschaftler schließen aus ihren Ergebnissen auf die Wirksamkeit beider Formen der Psychotherapie bei der Behandlung der sozialen Phobie, mit einer leichten Überlegenheit der kognitiven Therapie. Zudem würde – im Gegensatz zu einer medikamentösen Behandlung – die Besserung auch noch zwei Jahre nach Ende der Behandlung anhalten.
In weiteren Untersuchungen wollen die Forscher nun der Frage nachgehen, welche Patienten von welcher Form der Psychotherapie am stärksten profitieren können: Möglicherweise komme für Betroffene, die vor allem handlungsorientiert sind, eher die kognitive Therapie in Frage, in der Patient und Therapeut zusammen Handlungsmuster entwickeln, die den Alltag erleichtern. Für Menschen, die darüber hinaus verstehen möchten, was hinter ihren Ängsten steckt, eigne sich möglicherweise die psychodynamische Therapie besser. Sie geht davon aus, dass die Krankheit auf ungelöste Beziehungskonflikte in der Vergangenheit zurückgeht, die es zu verarbeiten gilt.
Weitere Studien im Rahmen von SOPHO-NET untersuchen zudem derzeit, ob Psychotherapie die gesellschaftlichen Kosten der sozialen Phobie reduzieren kann und wie sich bei Jugendlichen die Erkrankung frühzeitig verhindern lässt.

Literatur
Leichsenring, F., Salzer, S., Beutel, M. E., Herpertz, S., Hiller, W., Hoyer, J. et al. (2013). Psychodynamic therapy and cognitive-behavioral therapy in social anxiety disorder: A multicenter randomized controlled trial. The American Journal of Psychiatry, 170, 759-767.

Links
Forschungsverbund sopho-net

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Alyssa L. Miller / flickr.com unter CC BY 2.0

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