Weniger Medikamente dank Placebos?

Placebo-Reaktionen können bis zu 75 Prozent der positiven Wirkung von Medikamenten ausmachen. Dies zeigten nun Studien der Philipps-Universität Marburg.

Placebos – Scheinarzneimittel – im regulären klinischen Einsatz? Für viele ist das kaum vorstellbar. Doch Psychologen der Marburger Philipps-Universität zeigen einen Weg auf, wie der Placebo-Effekt mit Wissen der Patienten für eine verbesserte Therapie genutzt werden könnte. Die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie untersuchen im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in verschiedenen Teilprojekten Placebo-Effekte unter psychologischen, biologischen und genetischen Gesichtspunkten. Speziell geht es darum, die Mechanismen der Placebo-Reaktionen zu analysieren sowie deren klinische Relevanz in verschiedenen Körpersystemen und Krankheitsbildern zu untersuchen.
Unter anderem nahmen die Marburger Wissenschaftler zu diesem Zweck klinische Studien unter die Lupe, die eine placebo-begleitete Dosierungsreduktion (placebo-controlled dose reduction – PCDR) bei der Behandlung verschiedener Krankheiten testeten. Bei der PCDR erhalten Patienten über einige Wochen hinweg eine gleichbleibende Dosis Medikamente. Anfangs beinhalten alle verabreichten Pillen den Wirkstoff. Im Verlauf der Behandlung jedoch werden einzelne Gaben durch Placebos ersetzt, die in Größe und Geschmack nicht von den Medikamenten zu unterscheiden sind. Reagieren die Patienten positiv darauf, kann der Placebo-Anteil nach und nach auf bis zu 75 Prozent gesteigert werden. Der Wirkstoff wird also weiterhin dem Körper zugeführt, aber in deutlich reduzierter Dosis – was sich für die Patienten unter anderem durch geringere Nebenwirkungen auszahlen könnte.
Die Marburger Psychologen kamen zu dem Schluss, dass Placebos tatsächlich ohne Nachteil für die Patienten einen Teil der Medikamente ersetzen könnten. Der positive Placebo-Effekt trat sogar dann ein, wenn die Patienten wussten, dass ihnen teilweise Placebos verabreicht wurden – ohne allerdings zu wissen, wann genau sie das Medikament und wann sie das Placebo einnahmen.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es höchstwahrscheinlich zwei Formen des Placebo-Effekts gibt: Bei einer Gruppe von Patienten setzt bereits die Erwartung, ein wirksames Medikament zu erhalten, körpereigene Mechanismen in Gang, die zu einem Gesundungsprozess beitragen. Bei einer zweiten Gruppe führt die klassische Konditionierung zu einer Ausschüttung von Hormonen oder anderen Substanzen, wenn eine Pille eingenommen wird. Dabei ist es egal, ob es sich um ein Medikament oder Placebo handelt – in beiden Fällen wirkt die Konditionierung auf Regelkreisläufe im Körper.
In ihrem Bericht machen die Forscher darauf aufmerksam, dass die PCDR insbesondere bei der Behandlung chronischer Erkrankungen, bei ernsthaften Nebenwirkungen von Medikamenten sowie bei sehr teuren Behandlungen den Patienten Erleichterung bringen könnte. Sie betonen jedoch, dass noch erheblicher Forschungsbedarf bestehe, bevor Placebos in der regulären klinischen Therapie eingesetzt werden könnten. Neben den Placebo-Effekten müssten auch die Wirkungen von Medikamenten auf das zentrale Nervensystem, die genauen Wege der körperlichen Reaktionen sowie die oft vernachlässigten Nebenwirkungen systematisch erfasst und erforscht werden.

Literatur
Doering, B. K. & Rief, W. (2012). Utilizing placebo mechanisms for dose reduction in pharmacotherapy. Trends in Pharmacological Sciences, 33 (3), 165-172.

 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie

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