Weniger physische, mehr psychische Gewalt

Wissenschaftler der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Universität Potsdam untersuchten in einer aktuellen Studie das Thema „Mobbing in der Schule“.

Antipathien und Aggressionen unter Schülern gab es schon immer – und meist werden sie hinter dem Rücken der Lehrer ausgetragen. Welche Kompetenzen brauchen Lehrkräfte, um Gewalt und Mobbing zu erkennen? Wie reagieren sie in Mobbing-Situationen? Und welche Wirkung erzielen sie mit ihren Interventionen? Antworten auf diese Fragen suchte ein Team von Psychologen der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Universität Potsdam im Rahmen einer umfangreichen Studie.

Lehrer meist unzureichend informiert

Sie befragten in einer repräsentativen Erhebung insgesamt 1.409 Schüler der Klassenstufen 6 und 8 sowie deren 85 Klassenleiter an 24 Schulen in Sachsen. Bei der Verknüpfung der Daten zeigte sich, dass die Lehrer über Mobbing-Fälle in ihren Klassen meist nur unzureichend informiert waren und die beteiligten Schüler nicht zuverlässig identifizieren konnten.

Erfuhren sie jedoch von Mobbing und waren für dieses Thema sensibilisiert, dann griff die Mehrzahl der Lehrkräfte ein und versuchte, die Gewalt zu beenden.

Breites Verständnis von Gewalt nötig

Lehrkräfte intervenierten vor allem dann, wenn ihr persönliches Verständnis von Gewalt breit war, wenn sie also auch so etwas wie soziale Ausgrenzung und Hänseleien als Gewalt ansahen. Lehrer mit einem engeren Gewaltverständnis, dass sich also beispielsweise auf körperliche Gewalt beschränkte, nahmen andere Gewaltformen seltener wahr und griffen dementsprechend seltener bei Mobbing ein. Dies schien Spuren bei den Schülern zu hinterlassen: In Klassen von Lehrkräften mit einem engen Gewaltverständnis gab es deutlich weniger Mädchen und Jungen, die in einer Mobbing-Situation selbst eingreifen würden.

Ausmaß der Gewalt zurückgegangen

Da in der Studie zum Teil die gleichen Erhebungsinstrumente und Stichprobendesigns eingesetzt wurden, wie bei einer Untersuchung aus dem Jahr 1996, sind Aussagen über die Entwicklung von Gewalt an Schulen möglich. Entgegen der verbreiteten Annahmen zeigte sich, dass deren Ausmaß in den vergangenen zwei Jahrzehnten zurückgegangen ist: Im Vergleich zu 1996 berichteten die Schüler im Jahr 2014 über weniger Gewalt an Schulen, sowohl unter den Schülern als auch gegenüber den Lehrkräften. Erfreulicherweise nahm in dieser Zeitspanne auch die Interventionsbereitschaft der Lehrer und Schüler zu.

Lehrkräfte stärker für Mobbing sensibilisieren

Im Gegensatz zur körperlichen Gewalt scheint jedoch die Häufigkeit psychischer Gewaltphänomene leicht zugenommen zu haben. Entsprechend folgern die Forscher aus ihren Ergebnissen, dass es nötig ist, Lehrkräfte noch stärker für Formen der psychischen Gewalt zu sensibilisieren.

Literatur

Bilz, L., Steger, J. & Fischer, S.M. (in Druck). Die Genauigkeit des Lehrerurteils bei der Identifikation von an Mobbing beteiligten Schülerinnen und Schülern. Psychologie in Erziehung und Unterricht.

Bilz, L., Steger, J., Fischer, S.M., Schubarth, W. & Kunze, U. (in Druck). Ist das schon Gewalt? Zur Bedeutung des Gewaltverständnisses von Lehrkräften für ihren Umgang mit Mobbing und für das Handeln von Schülerinnen und Schülern. Zeitschrift für Pädagogik.

Niproschke, S., Oertel, L., Schubarth, W., Ulbricht, J. & Bilz, L. (in Druck). Mehr oder weniger Gewalt an Schulen? Eine Replikationsstudie 1996-2014 an sächsischen Schulen. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation.

4. Februar 2016
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © highwaystarz – Fotolia.com


Weitere Beiträge zum Thema

Thema des Monats „Cyber-Mobbing“

Cyber-Mobbing keine Seltenheit

Ein Fünftel der Jugendlichen von Cyber-Mobbing betroffen

Cyber-Mobbing überschätzt?