Wenn Trauer krank macht

Trauer kann Entzündungen im Körper hervorrufen, doch eine Genvariante schützt manche Menschen. Zu diesem Schluss kamen Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Nach dem Tod des Partners passiert es häufig, dass die Witwe oder der Witwer erkranken, manche versterben sogar kurz nach dem Partner. Andere Hinterbliebene bleiben jedoch vom so genannten Widowhood-Effekt verschont. Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben nun in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Ulm sowie Forschern der University of California (USA) und der University of Arizona (USA) untersucht, inwiefern die Gene eines Menschen Einfluss auf das Auftreten dieses Phänomens haben.
Sie gingen davon aus, dass der Schlüssel zum Verständnis des Widowhood-Effekts die Reaktion des Immunsystems auf Stress sein könnte. Psychischer Stress, wie zum Beispiel das Halten einer Rede vor großem Publikum, führt gewöhnlich zu einem kurzzeitigen Ansteigen bestimmter Marker im Blut, die auf Entzündungen im Körper hinweisen. Hält der Stress an, wie zum Beispiel bei Menschen, die einen schwer kranken Familienangehörigen pflegen müssen, sind diese Entzündungswerte im Blut häufig dauerhaft erhöht. Ein Zustand, der schwerwiegende Erkrankungen wie Arteriosklerose, Herzinfarkt oder Schlaganfall begünstigt.
An der Studie der MHH zum Trauerstress nahmen insgesamt 64 Menschen im Alter von durchschnittlich 73 Jahren teil. 36 von ihnen hatten in den vergangenen zwei Jahren ihren Partner durch den Tod verloren.
Die Wissenschaftler konnten bei den trauernden Personen unter anderem einen erhöhten Wert von Interleukin-6 (IL-6) im Blut feststellen, einem Stoff, der Entzündungen im Organismus reguliert. Somit konnten sie die Reaktion des Immunsystems auf Stress nun erstmals auch für Trauer nachweisen.
Doch in der genauen Analyse zeigte sich, dass nur etwa jeder zweite Trauernde eine Erhöhung des Entzündungswertes IL-6 aufwies. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass verschiedene Varianten des Gens IL-6 die unterschiedlichen Reaktionen auf den Trauerstress bedingten: Eine Genvariante des IL-6-Gens führte dazu, dass das Gen trotz Stress nicht vermehrt abgelesen wurde. Trauernde mit dieser Variante des Gens zeigten im Gegensatz zu Trauernden ohne diese schützende Genvariante keine erhöhten Entzündungswerte.
Die Wissenschaftler betonen, dass insbesondere bei Trauernden mit einem Genotyp, der nicht vor der Wirkung von Trauerstress auf das Immunsystem schützt, das kardiovaskuläre Risiko regelmäßig kontrolliert werden sollte. Sie halten in diesen Fällen für den Erhalt der Gesundheit besonders Maßnahmen für günstig, die den Trauerstress reduzieren – zum Beispiel die Teilnahme an Selbsthilfegruppen zur Trauerverarbeitung oder auch die Betreuung durch Seelsorger, Psychologen oder Psychotherapeuten.


Literatur
Schultze-Florey, C. R., Martínez-Maza, O., Magpantay, L., Breen, E. C., Irwin, M. R., Gündel, H. et al. (2012). When grief makes you sick: Bereavement induced systemic inflammation is a question of genotype. Brain, Behavior and Immunity, 26 (7), 1066-1071.

 

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft