Neuropsychotherapie

Wie können die Erkenntnisse der Neurowissenschaft zum tieferen Verständnis psychischer Krankheit und Gesundheit beitragen? Inwiefern hat Psychotherapie einen Einfluss auf das Gehirn des Patienten? Welche Schlussfolgerungen lassen sich für die Arbeit des Psychotherapeuten ziehen?

Liebe Leserinnen und Leser,

der US-amerikanische Psychologe und Neurowissenschaftler Joseph LeDoux bezeichnete in seinem Buch "Das Netz der Gefühle" Psychotherapie als "nur eine andere Art, das Gehirn neu zu verdrahten". Tatsächlich geht man heute davon aus, dass Psychotherapie nicht nur auf die Seele, sondern auch auf die physiologischen Strukturen des Gehirns wirkt. Allerdings löst der Begriff "Neuropsychotherapie" bei vielen Psychotherapeuten ein gewisses Unbehagen aus, lässt er doch die Befürchtung zu, die Betrachtung psychischer Erkrankungen könne auf eine rein neurobiologische reduziert werden – was bewährte therapeutische Herangehensweisen obsolet werden ließe.

Gabriele Eßing, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis, erläutert im Interview, warum Neuropsychotherapie – im Gegenteil – eine Aufwertung der Psychologie und der Psychotherapie bedeutet. Sie erklärt die grundlegenden Gedanken der Neuropsychotherapie – und was sich daraus für die Praxis ableiten lässt.

Darüber hinaus finden Sie im Thema des Monats Mai interessante Literaturtipps rund um Gehirn, Psyche und Psychotherapie. Außerdem haben wir für Sie wieder interessante Veranstaltungstipps zusammengestellt.

Auch in der Print-Ausgabe von "report psychologie" geht es im Mai um aktuelle Strömungen in der Psychotherapie: Im Fokus stehen Erläuterungen zur Bedeutung des integrativen Denkens in der Therapie, aber auch zu neuen Tendenzen in der Psychoonkologie und zur Frage: Ist die Gesprächspsychotherapie vom Aussterben bedroht?

Einen gesunden und glücklichen Monat Mai wünschen

Christa Schaffmann

Chefredakteurin "report psychologie"

und

Susanne Koch
Online-Redakteurin

5 Fragen an...

Gabriele Eßing

Wie können die Erkenntnisse der Neurowissenschaft zum tieferen Verständnis psychischer Krankheit und Gesundheit beitragen? Inwiefern hat Psychotherapie einen Einfluss auf das Gehirn des Patienten? Welche Schlussfolgerungen lassen sich für die Arbeit des Psychotherapeuten ziehen? Auf diese und weitere Fragen antwortet Gabriele Eßing im Interview.

Gabriele Eßing ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Nach Tätigkeiten in einer Schulpsychologischen Beratungsstelle und in der Betriebspsychologie arbeitet sie seit dem Jahr 2000 in eigener Praxis mit den Schwerpunkten Traumatherapie und Schmerzpsychotherapie.

Lesen Sie hier das gesamte Interview.


Literatur

Praxis der Neuropsychotherapie

 

Psychotherapie verändert nicht nur die Seele, sondern auch das Gehirn. „Praxis der Neuropsychotherapie“ verknüpft die Ergebnisse der modernen Hirnforschung mit den Erkenntnissen der Psychotherapie. Ausgehend von der Tatsache, dass das Gehirn sich in Abhängigkeit von äußeren Faktoren – insbesondere zwischenmenschlichen Erfahrungen – entwickelt, wird in diesem Buch beschrieben, wie Psychotherapie als Möglichkeit zur Initiierung neuer Erfahrungen nicht nur psychische Erkrankungen abbaut, sondern auch neuronale Strukturen verändert. Psychische Erkrankungen werden dabei als Ergebnis einer Vielzahl ungünstiger Lebenserfahrungen angesehen, die sich bis in die physiologischen Strukturen des Gehirns eingebrannt haben. Praxisnah entwickelt die Autorin Leitlinien der Neuropsychotherapie. In deren Zentrum stehen die Bereitstellung von Bedürfnis befriedigenden Erfahrungen, die Bestärkung positiver Persönlichkeitsanteile und die Ressourcenaktivierung im Rahmen einer emotional stützenden neuen Bindungserfahrung mit dem Psychotherapeuten. Bisher voneinander getrennte verhaltenstherapeutische und psychodynamische Vorgehensweisen, werden – soweit sie den Gesetzmäßigkeiten neuronalen Funktionierens entsprechen – miteinander verknüpft.

Gabriele Eßing
Praxis der Neuropsychotherapie

Wie die Psyche das Gehirn formt
2015, 196 Seiten
ISBN 978-3-942761-39-0

Inhaltsverzeichnis

Leseprobe

Bestellmöglichkeit

 

 

Neuropsychotherapie

Was wissen wir heute über die neuronalen Strukturen und Prozesse, die normalem und gestörtem Erleben und Verhalten zu Grunde liegen? Was wissen wir über die neuronalen Grundlagen psychischer Störungen? Wie kommt es dazu, dass das Gehirn überhaupt psychische Störungen hervorbringt? Wie kann man mit psychologischen Mitteln neuronale Strukturen verändern? Was sind die neuronalen Mechanismen therapeutischer Veränderungen? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich für die Praxis der Psychotherapie, wenn man ihre Problemstellungen und den therapeutischen Veränderungsprozess aus einer neurowissenschaftlichen Perspektive betrachtet? Die vergangenen 15 Jahre haben einen umwälzenden Erkenntnisprozess über die neuronalen Grundlagen unseres Erlebens und Verhaltens eingeleitet. Das Buch vermittelt die für die Psychotherapie relevanten Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Es werden konkrete Leitlinien für eine neurowissenschaftlich informierte Therapiepraxis formuliert. Es wird gezeigt, dass man psychische Störungen nicht vom motivierten psychischen Geschehen trennen kann. Psychische Störungen sind Reaktionen auf schwerwiegende Verletzungen der menschlichen Grundbedürfnisse. Ihre neuronalen Grundlagen reichen über die Störung selbst hinaus und müssen mitbehandelt werden, um ein möglichst gutes Therapieergebnis zu erzielen. Daraus ergibt sich ein neues Bild von den Aufgabenstellungen und Möglichkeiten der Psychotherapie.


Klaus Grawe
Neuropsychotherapie
2004, 509 Seiten
ISBN 978-3-801-71804-6

Bestellmöglichkeit

Gehirn, Psyche und Körper

Strukturelle Veränderungen im Gehirn, zum Beispiel durch Verletzungen oder Degeneration, beeinflussen unser Verhalten, das wissen wir alle. Aber: Können auch umgekehrt Änderungen im Verhalten und unseren Gedanken die neuronalen Netzwerke unseres Gehirns umstrukturieren? Wie verändern Lebenserfahrungen, aber auch chronische Schmerzen, Depressionen oder Ängste und andere Emotionen unsere Hirnstruktur? Welchen Einfluss haben psychotherapeutisches Handeln, „sprechende Medizin“, aber auch spirituelle Erfahrungen wie Meditation auf eine neuronale Umstrukturierung? Und: Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen der Psyche und unserer körperlichen Gesundheit, etwa bei Entzündungen, der Infektionsabwehr oder den Funktionen von Herz und Kreislauf?
Intuitiv und aufgrund vielfältiger therapeutischer Erfahrung wird die gegenseitige Beeinflussung von Psyche und Soma bei physischen und psychischen Heilungsprozessen schon lange genutzt: Worte und Gedanken können Schmerzen und Traumata verringern; über Körperhaltung oder Mimik lassen sich Gefühle beeinflussen; Meditation und Achtsamkeitsübungen stärken das Immunsystem. Wissenschaftlich fundiert untermauert Johann Caspar Rüegg diese komplexen Wechselwirkungen und beschreibt die Auswirkungen der Neuroplastizität auf Gehirn, Psyche und Körper.

Johann Caspar Rüegg
Gehirn, Psyche und Körper
Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie
2011, 270 Seiten
ISBN 978-3-7945-2652-9

Bestellmöglichkeit

Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie

Nerven-, Hormon- und Immunsystem beeinflussen sich wechselseitig – hierfür liegen inzwischen zahlreiche Belege vor. Das Ganze ist jedoch viel komplizierter, denn auch Psyche und soziales Umfeld haben Einfluss auf das Immunsystem. Die Vielfalt all dieser Interaktionen formt so ein komplexes Netzwerk, das entscheidend auf die Immunaktivität einwirkt. Ist auf dieser Basis aber auch eine gezielte Beeinflussung der Immunaktivität durch psychologische und psychotherapeutische Interventionen möglich? Eine spannende Frage, die von der Psychoneuroimmunologie mit einem eindeutigen Ja beantwortet wird – und deren differenzierte Beantwortung in diesem Buch auch Erklärungsmodelle dafür liefert, wie Psychotherapie körperlich kranke Menschen wieder gesund machen kann. In der Neuauflage geht Schubert explizit darauf ein, dass es einen empirisch belegten Zusammenhang zwischen Missbrauchs-, Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen und schweren Entzündungserkrankungen im Erwachsenenalter wie auch einer insgesamt geringeren Lebenserwartung gibt. Er verdeutlicht, dass Psychodiagnostik und -therapie in Zukunft spezifischer als bisher gegen körperliche Erkrankungen eingesetzt werden können, da die dysfunktionalen psychosomatischen Mechanismen von Entzündungserkrankungen zunehmend besser verstanden werden.

Christian Schubert
Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie

2015, 492 Seiten
ISBN 978-3-7945-3046-5

Inhaltsverzeichnis

Leseprobe

Bestellmöglichkeit

Wie das Gehirn die Seele macht

Was ist eigentlich die Seele und wie hängt sie mit dem Gehirn zusammen? Seit dem Altertum wird das Gehirn als Organ der Seele angesehen. Wo und wie aber das Psychische im Gehirn entsteht, wie sich dabei unsere Gefühlswelt, unsere Persönlichkeit und unser Ich formen, kann mit Hilfe der modernen Verfahren der Hirnforschung erst seit kurzem erforscht werden. Die jüngsten Fortschritte der Neurowissenschaften in Kombination mit modernen Forschungsmethoden machen es möglich, fundierte Antworten darauf zu geben, wo im Gehirn die Seele zu verorten ist, wie der Aufbau der Persönlichkeit verläuft, worauf psychische Erkrankungen beruhen, warum alte Muster immer wieder unser Verhalten bestimmen und so schwierig zu verändern sind und wie man im Rahmen der Psychotherapie oder mit Medikamenten auf die Psyche einwirken kann.

Gerhard Roth, Nicole Strüber
Wie das Gehirn die Seele macht

2017, 425 Seiten
ISBN 978-3-608-96169-0

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe

Bestellmöglichkeit

Was uns krank macht, was uns heilt

Christian Schubert und Madeleine Amberger liefern einen radikal neuen Blick auf den Zusammenhang von Gehirn, Psyche und Gesundheit. Wie die noch junge Disziplin der Psychoneuroimmunologie beweist, hängen diese aufs engste zusammen. Unser Immunsystem steht in ständiger Wechselwirkung mit unseren Gedanken, unserem Verhalten, unseren Gefühlen. Neueste Studien zeigen: Chronischer Stress, zum Beispiel in Beziehungen oder im Job, macht uns nicht nur anfälliger für Infektionen, sondern kann unser Leben erheblich verkürzen, ja langfristig zu schweren Leiden wie Krebs und Autoimmunkrankheiten führen.
Umgekehrt – so die gute Nachricht – mobilisieren positive Gedanken sowie seelische Ausgeglichenheit und inneres Wohlbefinden unsere Selbstheilungskräfte, die Krankheiten verhindern. Das Buch plädiert für ein neues Denken in Medizin und Forschung, das den ganzen Menschen im Blick hat – und einen radikalen Wandel unseres Gesundheitswesens erfordert.

Christian Schubert, Madeleine Amberger
Was uns krank macht, was uns heilt

Aufbruch in einer neue Medizin
2016, 274 Seiten
ISBN 978-3-903072-17-6

Bestellmöglichkeit

Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst

Depressionen, Epilepsie, Schlaganfälle und ADHS lassen sich kontrollieren – und zwar nur durch Lernen und ohne risikoreiche Medikamente. So lautet die bahnbrechende Erkenntnis des renommierten Hirnforschers Niels Birbaumer. Denn das Gehirn verfügt über fast grenzenlose Potenziale und gleicht bei der Geburt einer Tabula rasa: Nur wenig ist festgelegt, das meiste wird geformt. Darum haben wir großen Einfluss auf unser Denken und Handeln – und unser Gehirn kann sich selbst aus dem Sumpf seiner Erkrankungen ziehen.

Niels Birbaumer
Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst

Neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung
2015, 272 Seiten
ISBN 978-3-54837-594-6

Bestellmöglichkeit

Veranstaltungen

 

29. August 2017

Seminar "Alles klar im Kopf? Klinisch neuropsychologisches Wissen für die psychotherapeutische Praxis", Berlin

Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung wird die Zahl der Demenzerkrankungen und kognitiven Beeinträchtigungen in der Bevölkerung in den kommenden Jahren deutlich ansteigen. Daneben hat sich in den vergangenen Jahren auch ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass viele psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel depressive Störungen, mit häufig deutlichen kognitiven Einschränkungen verbunden sind. Die Teilnehmer lernen die Systematik und die praktische Herangehensweise klinisch-neuropsychologischer Diagnostik und die daraus resultierenden Konsequenzen für das therapeutische Handeln kennen. Theoriegeleitet, aber auch praxisbezogen werden die folgenden Aspekte neuropsychologischer Diagnostik und Behandlung vermittelt: wichtige neuropsychologische Testverfahren, aktuelle Behandlungskonzepte mit einem Schwerpunkt unter anderem auf Demenzen, Analyse von Fällen anhand neuropsychologischer Berichte und Gutachten.
Weitere Informationen

2. bis 5. September 2017

30. ECNP Congress (European College of Neuropharmacology, Paris (Frankreich)

Vom 2. bis 5. September 2017 lädt das European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) nach Paris (Frankreich) zu seinem 30. Jahreskongress.

Weitere Informationen

20. bis 23. September 2017

90. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Leipzig

Vom 20. bis 23. September 2017 findet im Congress Center Leipzig (CCL) der 90. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie statt. Thema: Mensch im Blick, Gehirn im Fokus.

Weitere Informationen

21. bis 23. September 2017

Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropsychologie, Konstanz

Vom 21. bis 23. September 2017 lädt die Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) an die Universität Konstanz zu ihrer diesjährigen Jahrestagung.

Weitere Informationen