Risikoforschung

Sollte ich mich gegen Grippe impfen lassen oder nicht? Wie gefährlich ist der Erreger, über den die Presse gerade vermehrt berichtet? Ist es sicherer, mit dem Auto oder mit dem Flugzeug zu reisen? Menschen werden täglich mit Risiken und Bedrohungen konfrontiert. Wie verhalten sich Menschen in Risikosituationen, in Situationen der Ungewissheit? Wie kann man ihnen helfen, Risiken besser einzuschätzen, kompetent mit ihnen umzugehen und mit ihnen zu leben?

Liebe Leserinnen und Leser,

ist es sicherer, mit dem Auto oder mit dem Flugzeug in den Urlaub zu reisen? Werden Sie sich im Herbst gegen Grippe impfen lassen? Waren Sie in diesem Jahr schon bei der Krebsvorsorge? Haben Sie Angst, Opfer von Terroristen zu werden?
Menschen werden täglich mit Risiken und Bedrohungen konfrontiert. Den allermeisten fällt es jedoch schwer, diese richtig einzuschätzen und besonnen auf sie zu reagieren.
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Mit seinem Team untersucht er, wie Menschen mit Unsicherheit und Risiken umgehen und wie sie mit begrenztem Wissen und in begrenzter Zeit Entscheidungen treffen.
Im Interview spricht Prof. Dr. Gerd Gigerenzer unter anderem darüber, wie – zum Teil irrationale – Ängste entstehen und aus welchen Gründen es uns so schwer fällt, mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten. Zudem geht er auf die Frage ein, wie man Menschen helfen kann, Risiken besser einzuschätzen, kompetent mit ihnen umzugehen und mit ihnen zu leben. 

Im „Thema des Monats“ finden Sie des Weiteren interessante Literaturtipps zum Umgang mit Unsicherheit und statistischen Daten sowie zu menschlichen Denkfehlern und (Fehl-)Entscheidungen. Außerdem haben wir für Sie wieder interessante Downloads und Links zusammengestellt.

Im Interview beschreibt Prof. Gigerenzer terroristische Anschläge als sogenannte „dread risks“ – Ereignisse, die sehr leicht Furcht und überdauernde Ängste auslösen können. Mehr über die psychologische Wirkung des Terrorismus und seine Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaft erfahren Sie in der aktuellen Juni-Ausgabe der Zeitschrift „report psychologie“.

Einen entspannten Juni wünschen

Alenka Tschischka
Chefredakteurin „report psychologie“

und 

Susanne Koch
Online-Redaktion


P.S.: Wir freuen uns über Anregungen und Kommentare zum „Thema des Monats“. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff „Thema des Monats“ an: verlag(at)psychologenverlag.de


Foto © MissTurner / flickr.com unter CC BY 2.0

5 Fragen an...

Gerd Gigerenzer

Wie verhalten sich Menschen in Risikosituationen, in Situationen der Ungewissheit? Wie kann man ihnen helfen, Risiken besser einzuschätzen, kompetent mit ihnen umzugehen und mit ihnen zu leben? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. Gerd Gigerenzer im Interview. 

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Mit seinem Team untersucht er, wie Menschen mit Unsicherheit und Risiken umgehen und wie sie mit begrenztem Wissen und in begrenzter Zeit Entscheidungen treffen. 

Lesen Sie hier das gesamte Interview 

Literatur

Das Einmaleins der Skepsis 


So selbstverständlich die heutige Medien- und Wissenswelt mit statistischen Daten hantiert, so erschreckend wenig wissen viele Experten und Laien mit all den Zahlen anzufangen. Der renommierte Psychologe Gerd Gigerenzer berichtet von verhängnisvollen Fehlentscheidungen in Medizin und Kriminalistik, die diesem Unverständnis geschuldet sind. Er entlarvt die zu Grunde liegenden Denkfehler und zeigt frappierend einfache Lösungen auf, wie sich Wahrscheinlichkeiten und Risiken besser vermitteln lassen. Er unterbreitet Vorschläge, wie der Einzelne sein Verständnis von Zahlen und Risiken verbessern und dadurch den unvermeidlichen Ungewissheiten im Leben souveräner und gelassener begegnen kann.

Gerd Gigerenzer
Das Einmaleins der Skepsis 
Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken 
2004, 416 Seiten
ISBN 9783833300417

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Better Doctors, Better Patients, Better Decisions


Eine effiziente Gesundheitsversorgung braucht gut informierte Ärzte und Patienten. Doch viele Ärzte und noch mehr Patienten verstehen die verfügbaren medizinischen Daten und Forschungsergebnisse nicht. Sieben „Sünden“ sind mitverantwortlich für diesen Wissensmangel: profitorientierte Finanzierung, irreführende Berichterstattung in medizinischen Zeitschriften sowie in den Medien, einseitige Patientenbroschüren, Interessenkonflikte, defensive Medizin und Ärzte, die statistische Evidenz mangelhaft verstehen. Ergebnis dieser Fehler ist ein teilweise ineffizientes Gesundheitssystem, das Steuergelder für unnötige oder sogar schädliche Tests und Behandlungen verschwendet und medizinische Forschungen finanziert, die für Patienten nur begrenzte Relevanz haben. 
Aufklärung kann bessere Gesundheitsversorgung für weniger Geld ermöglichen. Regierungen und Institutionen müssen einen anderen Kurs einschlagen, das heißt, ehrliche, transparente Informationen liefern und damit den Weg zu besseren Ärzten, besseren Patienten und letztendlich auch einer besseren Gesundheitsversorgung bahnen.

Gerd Gigerenzer, J. A. Muir Gray (Hrsg.)
Better Doctors, Better Patients, Better Decisions
Envisioning Healthcare in 2020 
201, 408 Seiten
ISBN 978-0262016032

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Ecological Rationality


“Ecological Rationality” beschäftigt sich damit, wie Menschen mit Hilfe einfacher, aber zur jeweiligen Umwelt passender, Heuristiken gute Entscheidungen treffen können. Denn Heuristiken selbst sind weder gut noch schlecht, weder verzerrt noch unvoreingenommen – das werden sie erst im Zusammenhang mit bestimmten Kontexten.
Die Autoren erläutern anhand von Fallbeispielen – sportlichen Wettbewerben, Arzt-Patient-Interaktionen oder der Suche nach einem Parkplatz – wie einfache Heuristiken zu sinnvollen Entscheidungen führen können.
“Ecological Rationality” betrachtet Verstand und Umwelt im Zusammenhang: Intelligenz ist nicht nur in den Köpfen der Menschen zu finden, sondern auch eingefangen in den Informations-Strukturen der Welt um sie herum.

Peter M. Todd, Gerd Gigerenzer
Ecological Rationality
Intelligence in the World 
2012, 590 Seiten
ISBN: 978-0-19-531544-8

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Rationality for Mortals


Gerd Gigerenzer untersucht die Rationalität als adaptives Denken, das aus dem Zusammenspiel von Umwelt und Kognition resultiert. Das Buch untersucht Entscheidungsfindung unter Unsicherheit, von der Reaktion auf Terroranschläge über die Vorhersage der Sieger von Wimbledon bis zur Diagnose in der Notfallsituation.

Gerd Gigerenzer
Rationality for Mortals
How People Cope with Uncertainty
2010, 256 Seiten
ISBN 978-0199747092

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Heuristics


Wie trifft man Entscheidungen, wenn die Zeit begrenzt ist, die Information unzuverlässig und die Zukunft unsicher? Anders als oft angenommen, brauchen komplexe Probleme im realen Leben nicht notwendig komplexe Lösungen. Weniger kann manchmal mehr sein.

Gerd Gigerenzer, Ralph Hertwig, Thorsten Pachur (Hrsg.)
Heuristics
The Foundations of Adaptive Behavior
2011, 844 Seiten
ISBN 978-0199744282

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Die Angst der Woche


Kann ich mich mit BSE anstecken, wenn ich zu lange auf meinem Rindsledersofa sitze?
Lebensmittelskandale werden aufgebauscht, gesundheitliche Risiken übertrieben, falsche Ängste geschürt. Immer wieder verursachen sie uns schlaflose Nächte: aufgeregte Meldungen über erhöhte Dioxinwerte in Eiern, genetisch veränderte Pflanzen oder krebserregende Stoffe in Babyschnullern. Doch was steckt wirklich hinter den Gefahren, vor denen uns die Panikmaschinerie so eindringlich warnt? 
Walter Krämer deckt auf: Oft genug sitzen wir einer Berichterstattung auf, die statistische Daten verzerrt oder verkürzt darstellt. So entpuppt sich eine erhöhte Pestizidbelastung bei Obst und Gemüse zumeist als harmlos. Schließlich sind 99 Prozent der Giftstoffe biologischen Ursprungs, und die Belastung durch chemische Rückstände beträgt lediglich ein Prozent. Wer es schafft, sich von solchen falschen Ängsten zu befreien, wird der nächsten Massenhysterie erfolgreich widerstehen. Walter Krämer weist den Weg zu einem mündigen Umgang mit der „Angst der Woche“.

Walter Krämer
Die Angst der Woche
Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten
2011, 288 Seiten
ISBN 9783492054867

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Schnelles Denken, langsames Denken


Geldhändler, die ganze Bankenimperien ruinieren; Finanzmärkte, die außer Rand und Band sind; Kleinanleger, die ihr Erspartes in Aktien anlegen, ohne je den Wirtschaftsteil einer Zeitung gelesen zu haben: Wer in diesen Zeiten noch an den Homo oeconomicus als rational agierendes Wesen glaubt, dem ist nicht zu helfen.
Wie treffen wir unsere Entscheidungen? Warum ist Zögern ein überlebensnotwendiger Reflex, und was passiert in unserem Gehirn, wenn wir andere Menschen oder Dinge beurteilen? Daniel Kahneman zeigt anhand ebenso nachvollziehbarer wie verblüffender Beispiele, welchen mentalen Mustern wir folgen und wie wir uns gegen verhängnisvolle Fehlentscheidungen wappnen können. Er liefert eine völlig andere Sichtweise, die nah am wirklichen menschlichen Verhalten orientiert ist und die Wirtschaftsakteure nicht als berechenbare Roboter betrachtet. Sein Fazit: Wir werden niemals immer und überall optimal handeln, wichtige Entscheidungen bleiben unsicher und fehleranfällig. Doch gibt es viele alltägliche Situationen, in denen wir die Qualität und die Folgen unseres Urteils entscheidend verbessern können. 

Daniel Kahneman 
Schnelles Denken, langsames Denken
2012, 624 Seiten
ISBN 978-3-88680-886-1

Artikel über den Autor in DIE ZEIT

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Das Ziegenproblem


Die hellsten Köpfe scheitern, wenn es um Wahrscheinlichkeiten geht; unser Denken ist auf sie nicht eingestellt. Anlass genug, sich gründlich mit dem Ziegenproblem, aber auch mit dem Botendilemma, der Kontrollillusion, mit blinden Hühnern, Fehlersaat, Affen als Romanciers und anderen Wundern und Fallstricken der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu befassen.

Gero von Randow 
Das Ziegenproblem
Denken in Wahrscheinlichkeiten
2004, 208 Seiten
ISBN 978-3-499-61905-2

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Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit


Für sicher Erachtetes stellt sich bisweilen als höchst unwahrscheinlich heraus. Einige als äußerst selten eingeschätzte Ereignisse sehen bei näherer Betrachtung eher alltäglich aus. Die Autoren berichten von Vertracktem und Unerwartetem aus medizinischer Forschung, Rechtsprechung und dem ganz normalen Leben. Vaterschaftstests, Terrorverbindungen, DNA-Fingerprints, Wahlergebnisse, Morde, Steuererklärungen, Diagnosen und Feierabendstaus werden unterhaltsam quer durchdacht.

Hans-Hermann Dubben, Hans-Peter Beck-Bornholdt 
Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit
Logisches Denken und Zufall
2005, 224 Seiten
ISBN 978-3-499-61902-1

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe
 
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Die Logik des Misslingens


In komplexen, vernetzten und dynamischen Handlungssituationen macht unser Gehirn Fehler: Wir beschäftigen uns mit dem ärgerlichen Knoten und sehen nicht das Netz. Wir berücksichtigen nicht, dass man in einem System nicht eine Größe allein modifizieren kann, ohne damit gleichzeitig alle anderen zu beeinflussen. Können wir daran etwas ändern?
Dietrich Dörner erläutert viele kleine, bequeme und ach so menschliche Denkfehler, für die im besten Fall nur einer, im schlimmsten Fall der ganze Globus büßen muss.

Dietrich Dörner 
Die Logik des Misslingens
Strategisches Denken in komplexen Situationen
2003, 352 Seiten
ISBN 978-3-499-61578-8

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Downloads

Download von Einzelkapiteln aus „Better Doctors, Better Patients, Better Decisions“


Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz bietet einzelne Buchkapitel aus der Veröffentlichung „Better Doctors, Better Patients, Better Decisions“ zum Download als pdf an. Dies sind: „Launching the Century of the Patient” von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer und Dr. J. A. Muir Gray, „When Misinformed Patients Try to Make Informed Health Decisions” von Dr. Wolfgang Gaissmaier und Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, „What Is Needed for Better Health Care: Better Systems, Better Patients or Both?” von Dr. Markus A. Feufel et al., „Statistical Illiteracy in Doctors” von Dr. Odette Wegwarth und Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, „Barriers to Health Information and Building Solutions” von Dr. Talya Miron-Shatz et al. sowie „How Will Health Care Professionals and Patients Work Together in 2020? A Manifesto for Change“ von Prof. Dr. Ralph Hertwig.

Download der einzelnen Kapitel


Sozialpsychologische Risikoforschung


Prof. Dr. Peter M. Wiedemann vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Dr. Johannes Mertens vom Forschungszentrum Jülich geben eine Einführung in die „Sozialpsychologische Risikoforschung“. Der Beitrag ist in der Zeitschrift „Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis“ des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) der KIT erschienen.

Download des Artikels "Sozialpsychologische Risikoforschung"


Links

Harding-Zentrum für Risikokompetenz


Die Website des Harding-Zentrums für Risikokompetenz liefert neben Informationen zum Team des Zentrums und zu aktuellen Forschungsprojekten und Veröffentlichungen auch eine Einführung in wichtige Begrifflichkeiten der Risikoforschung sowie aktuelle News zum Thema und Veranstaltungshinweise. 
Außerdem haben Sie in einem kurzen Quiz die Möglichkeit, Ihr Wissen zu Risiken und Unsicherheiten des täglichen Lebens zu testen.

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